Subjektiver Ausstellungsbericht
In der Stallburg in Wien hatte ich meine erste Begegnung mit Claude Monet, dem Maler. Damals wusste ich nichts über Malerei, fühlte mich lediglich hingezogen zu Bildern in Museen. Hauptberuflich war ich damit beschäftigt, Ehefrau und Mutter eines aufgeweckten kleinen Jungen zu sein. In der Stallburg war ich ganz allein in der Etage der Imperessionisten. Das Kind war unruhig geworden und mit dem Vater an der frischen Luft. Ich stand unvermittelt vor einem Gartenbild Monets und fing ungewollt an zu weinen. Die Aufseherin schaute nicht weg, wie es mir lieber gewesen wäre. Sie schaute mich an, wie ich weinend dort stand und die Schönheit nicht fassen konnte, mich hineingezogen fühlte in diesen Blumenbestandenen Gartenweg in zauberhaftem Licht. Sie kam dann zu mir und legte den Arm um meine Schulter. Sie liebte dieses Bild und fühlte sich mit mir, einer Unbekannten, durch meine Tränen verbunden.
Gestern nun stand ich auf der Straße, eine gute Stunde lang im zweiten Anlauf, weil der erste Anlauf oder besser gesagt Anstand zwei Stunden gefordert hätte, um Monets Bilder zu besuchen. Ich hatte ihn schon viele Male besucht seit dieser ersten Begegnung, sein Werk und sein Leben waren mir wie nebenbei geläufig geworden. In Paris gipfelte meine Besuchstätigkeit und Bewunderung in der Kathedrale der Seerosenbilder in der Orangerie. Damals konnte man dort allein sein, ohne Gedränge ringsum und damals habe ich mich offenbar satt gesehen an seiner Genialität. Das war der Höhepunkt, nicht zu übertreffen, aber auch nicht wiederholbar.
Von der Ausstellung der im Von-der-Heydt-Museum zusammengetragenen Bilder hatte ich gut zwei Drittel schon gesehen, einige davon mehrmals. Nur ein Drittel kannte ich noch nicht im Original, einige davon als Abbildung. Es hat mich selbst überrascht, dass mir die reduziertesten Bilder seines Euvres, noch nie gesehen bis dahin, am besten gefielen, sie bestehen aus Licht und gegenständlichen Andeutungen, die nicht benannt werden müssen, weil sie als Farbfläche genau dort hin gehören ohne preiszugeben, worum es sich handelt. Alle pastellfarbigen Seerosen und perfekt getupften Landschaften lösten kein Staunen mehr aus, eher ein wenig Langeweile, so wie oft gesehene alte Filme, die ich nur aus Gewohnheit und nicht mehr aus Überzeugung gut finde.
Ich verstehe plötzlich, dass Bilder ihre Zeit haben und aus der Zeit herausfallen können mitten in unsere Gegenwart. Die Zeit der Bilder kann nicht konserviert werden, nur die Bilder selbst und dann fehlt etwas. Natürlich fehlt heute das Sensationelle. Die Sensation ist altbacken geworden oder abgehangen, betulich das ehemals Verstörende. Es gab so vieles danach; aber es gab auch einiges davor, was jetzt, nach so langer Zeit, sich mit dem Danach vereinigt und eine Zwangsläufigkeit der Erscheinungen erzeugt.
Sehr deutlich wird das bei der Begleitausstellung der Bilder von Monets Zeitgenossen und Wegbereitern, wobei ein wirklich revolutionärer Vorläufer, nämlich William Turner, fehlte. Es war die Möglichkeit, Ölfarben in Tuben zu füllen, statt sie umständlich und zeitraubend mit Palettmessern und Mörsern im Atelier anzureiben, die zur Freilichtmalerei und zur Analyse von der Wechselwirkung zwischen Farbe und Licht, Licht und Form führten, was sich so trefflich in Monets Bildern ablesen lässt. Für uns Heutige ist das nur noch eine romantische Vorstellung, der Maler draußen, das Haupt mit einem Hut gegen die Sonnenstrahlen geschützt, die Staffelei mit Steinen beschwert, in der Hand die große Palette. Es war eine kurze Epoche. Manchmal sieht man das noch in den Touristenhochburgen, aber es wird sehr schnell deutlich, es ist eine Attitüde, ein Schaueffekt. Die Bilder sind vorgefertigt und es wird daran herumgepinselt, nicht gemalt. Die einzigen Freilichtmaler, die es tatsächlich noch gibt, sind die Sprayer, aber sie haben nichts mit der gesehen Welt um sie herum zu tun, sie sprühen ihre inneren Bilder oder vorgeprägte Schablonen auf die Wände. Es findet zwar draußen statt, hat aber nichts mit Licht und Formgebung zu tun.
Was würde wohl Monet dazu sagen, wenn er die digital aufgenommenen und sogleich auf Leinwand aufgespannten Sonnenuntergänge sähe. Sie lassen sich sogar „impressionistisch“ verändern, dank technisch ausgereifter Bildbearbeitunsprogramme. So erzeugen heute die „Freiluft-Künstler“ ihre Bilder. Warum also noch gemalte Bilder?
Es gibt auch einen Vorteil, neben vielen Nachteilen, bei solchen Ausstellungen, die Bilder aus aller Welt wieder an eine Stelle bringen. Wenn drei gleiche Sujets nebeneinander hängen, nur abgewandelt in der Farbigkeit, dann wird sehr deutlich, es ging nicht um diese Landschaft, um diese Architektur, um diesen Heuschober, es ging um die Auseinandersetzung mit Farbe und Licht, um Form durch Licht und Farbe, unabhängig von Umrissen. Mich wundert es, dass die Bilder der Kathedrale von Rouen überhaupt an unterschiedlichen Orten hängen. Hier in der Ausstellung waren drei davon zu sehen. Eins fehlte und mir fehlte es wirklich, weil die vier, im sich wandelnden Licht des Tages, für mich unbedingt zusammen gehören. In der Stadt Rouen ist man dazu übergegangen, den Abschnitt der Katherale so zu illuminieren, wie Monet sie gemalt hat. Das erschien mir wie ein Frevel. Traut man den Menschen nicht zu, am Morgen, am Mittag und am Abend zu schauen, wie die Farben sich natürlicherweise verändern. Die Zeit nimmt sich wohl niemand mehr. Und vielleicht wird auch nur auf den Bildern gesehen, was Monet mit eigenen Augen sah und durch Umwandlung sichtbar machte für die Augen der Betrachter.
Das Verlangen des Besitzenwollens kann in der Museums-Boutique befriedigt werden. Und das hätte selbst Walter Benjamin sich nicht träumen lassen, als er über Die Kunst im Zeitalter der Reproduzierbarkeit schrieb, die großen Gemälde, denen beinahe wie sakraler Kunst gehuldigt wird, auf Bleistiften, Lesezeichen, Halstüchern, Notizbucheinbänden, Kühlschrankmagneten, Puzzlespielen, Mousepads, Schlüsselanhängern usw. Nur auf Wärmflaschen und Klodeckeln habe ich es noch nicht gesehen. Auch das trägt dazu bei, neben der tausendfachen Vervielfältigung in Büchern und auf Postkarten, uns das Staunen abzugewöhnen, die Kunst zum Gewöhnlichen zu degradieren.
Neueste Kommentare