08
Nov
09

Pilze am Niederrhein

Boten des Herbstes

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Im Spätsommer entdeckte ich sie zuerst im Wald, unten an den Stämmen der Bäume entfalteten sie sich prächtig. Ihre Namen kenne ich nicht, bewundere jedoch die Vielfalt in jedem Herbst aufs Neue.

Im Garten waren plötzlich über Nacht diese kleinen, weißen Kappen im Rasen und in der Wiese unter den Obstbäumen. Sie wuchsen in einem großen Kreis und ich wusste gleich, dass es Wiesenchampinons sind. Einen habe ich gleich probiert, er schmeckte frisch und nussig. Ich ließ sie noch ein wenig wachsen, schnitt sie dann sorgfältig ab und legte sie auf den Terassentisch. Mein Gatte wollte sie auf keinen Fall essen. Ich war entschlossen mir eine kleine Pilzmahlzeit zuzubereiten. Es kam aber etwas dazuwischen und die Pilze blieben eine Weile liegen. Als ich sie in die Küche holen wollte, entdeckte dich auf der Unterseite zwischen den Lammelen ein munteres Gewusel kleiner, dunkelgrauer Maden. Mir verging der Appetit. Die Pilze wuchsen zwar nach, aber ich ließ sie stehen für die Tiere. Etwa zur gleichen Zeit fand ich einen weißen, fast runden, etwas glänzenden Ball unter dem Hollunder in der Wiese. Ich dachte an ein Spielzeug, welches hierhergeweht wurde.

PICT0002Es hatte die Größe eines Balles, den ich mit zwei Händen umfassen konnte. Das Internet half weiter: Es handelte sich um einen Riesenbovisten. Der sollte zwar auch essbar sein, aber diesmal traute ich mich nicht. Hier ist er schon ein wenig angeknabbert von tierischen Kennern.  Später, als er zerfiel, hörte ich von menschlichen Kennern, wie schmackhaft er sein soll und ganz ungefährlich. Man brät ihn wie ein Schnitzel. Jetzt hoffe ich, er wächst im nächsten Jahr wieder dort.

Heute morgen habe ich eine ganze Serie schön anzusehender Pilze an und auf gefällten Bäumen gefunden, die so gut von der Sonne beleuchtet waren, dass ich nur ans fotografieren dachte und nicht ans zubereiten und essen.

31
Okt
09

Skateranlage Duisburg-Hochfeld

Platz für die Jugend

Flächen zum „Abhängen“, wie es heute heißt, gibt es genug in allen Städten des Ruhrgebiets, Flächen zum Austoben leider nicht. Wir haben der Jugend die Räume beschnitten, immer mehr, bis fast nichts mehr übrig blieb, gerade noch so viel, um herumzuhängen, was nicht viel Platz benötigt.

Ich komme aus Duisburg, bin in einer Bergarbeitersiedlung aufgewachsen, wo es genug Platz auf der Straße, im Park und hinter den Häusern gab. Wir gingen am Nachmittag nach draußen und kamen am Abend müde und hungrig wieder ins Haus. Niemand musste uns irgendwo hin fahren oder vielmehr bringen, die Mütter waren noch nicht motorisiert, die Väter schoben 12-Stunden-Schichten, wir spielten einfach so, trafen uns draußen ohne spezielle Verabredung.

Mit meinen Kindern wollte ich dann später nicht mehr in der Stadt wohnen, da war der Lebensraum für Kinder schon stark eingegrenzt, in erster Linie durch Autos. Die Straßen konnten nicht mehr bespielt werden. Auf dem Lande in den kleinen Gemeinden war noch Platz für die Kinder, in den 70er und 80er Jahren. Dann wurden dort die ortsinneren Baulücken geschlossen, das wilde Gestrüpp und die Pfützen zwischen den mit pflegeleichten Kriechgewächsen ausgestatteten Gärten verschwand.

Die Mütter fingen an, ihre Kinder herumzufahren, zu Sportvereinen und Musikschulen, zu Schwimmhallen und Ballettschulen. Zum Spielen mussten die Kinder sich verabreden, einen Termin ausmachen, in den Städten und in den Dörfern auf dem Land, wobei im Ländlichen Bereich immer noch ein bisschen mehr Freiraum blieb. Die Kinder in den Städten haben mir leid getan.

Nun war ich neulich in Hochfeld, einem Stadtteil mit nicht allzu gutem Ruf, ähnlich wie Bruckhausen oder Untermeiderich. Dort bestimmte viele Jahrzehnte die Industrie das Stadtbild. Die Industrie verschwand stellenweise und zurück blieben Industriebrachen, wie überall im Ruhrgebiet.

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Was in Hochfeld aus der Brache am Rhein entlang gemacht wurde, hätte ich den Stadtvätern und -müttern nie zugetraut. Beim Hineingehen in das Parkgelände sind noch Reste von Industriehallen zu sehen, neben Betrieben, in denen nach wie vor gearbeitet wird. Trotzdem ist die Verwandlung enorm. Es wurden ausgedehnte Grünflächen angelegt, die Bäume abgezirkelt in Reih und Glied gepflanzt, was bedenklich erscheinen mag, aber vielleicht einen Ordnungsfaktor hat. Eine ordentliche Umgebung wird auch ordentlich behandelt. Daneben stehen die phantasievoll von Sprayern im offiziellen Auftrag bemalten, übrig gebliebenen Hallenwände, die Herr Kraska schon so eindrucksvoll beschrieb.

Was mir neben der Malerei und dem Strand am Rheinufer am meisten imponierte war die Skateranlage die schönste, die ich bisher sah. Das Wetter war gut und es tummelten sich etwa 40 Jugendliche auf dem funktionsgerecht angelegten Gelände zwischen den bemalten Wänden, mit Skatboards, Fahrrädern, Rollern.

Viele von ihnen beherrschten ihre rollenden Geräte mit artistischer Sicherheit, auch wenn mir als „Muttertier“ der Atem stockt bei den waghalsigen Sprüngen und Drehungen. Es macht trotzdem Freude zuzuschauen und ganz offensichtlich haben die Kinder und Heranwachsenden Freude an ihrem Tun. Sie gingen sogar rücksichtsvoll miteinander um, hier herrschen ungeschriebene Regeln, die beachtet werden. Auch im Park gelten Regeln, auf deren Einhaltung geachtet wird. So sah ich einen „Wach-Mann“, der einem Jungendlichen klar machte, dass er sein Moped stehen lassen und durch den Park zu Fuß gehen muss. Das wurde geduldig aber unmissverständlich erklärt und es funktionierte.

Warum, frage ich mich, gibt es solche Anlagen nicht in jedem Stadtteil, leicht zu erreichen für die Jugendlichen? Gleich nebenan einen Platz zum Drachensteigenlassen, phantasievolle Spielplätze für die Kleinen. Würde den Kindern nur ein Bruchteil des Platzes eingeräumt, den Autos einnehmen in unseren Städten, ober- und unterirdisch, dann  bedürfte es vielleicht keiner Erzeugungsprämien mehr, keiner Ruhigstellungsmedikamente und keiner Erhöhung der Jungendstrafen.

25
Okt
09

Sonsbecker Schweiz

Die Hügel am flachen Niederrhein

Die Gemeinde Sonsbeck liegt am unteren Niederrhein, 8 km südwestlich von Xanten. Sie ist umgeben von ausgedehnten Wiesen und Ackerflächen. Zum Norden hin erstreckt sich eine Erhebung, die aus den Erdfaltungen der Eiszeit dort erhalten blieb. Der Name für dieses Gebiet, Sonsbecker Schweiz, klingt ein wenig hochtrabend, da die höchste Erhebung 87 m über dem Meeresspiegel beträgt, aber da eine schöne Landschaft damit gemeint ist, ist es berechtigt.

Dieser Landschaftsabschnitt ist ein attraktives Erholungsgebiet, mit abwechslungsreichem Bewuchs und immer wieder weiten Ausblicken über das sonst so flache Land. Jetzt im Herbst ist es besonders schön dort, die Maisfelder sind abgeerntet, das Laub ist nicht mehr so dicht und gegen Abend verzaubert die tief stehende Sonne die Landschaft.

Auf einem der wenigen Höfe werden Esel gehalten und nicht weit davon entfernt trifft man auf Wildscheine, allerdings in einem großen Gehege. Rehe jedoch können jederzeit ganz frei über den Weg gelaufen kommen. Wer aufpasst, wird auch den Habicht oder einen Bussard am Himmel kreisen, den Falken beim Sturzflug  sehen oder beim Suchen danach die Ballons entdecken, die hier häufig auf Himmelstour sind.

Die Wanderwege sind gut ausgezeichnet. Von hier aus lassen sich die Wanderungen in den Tüschenwald oder den Uedemer Hochwald ausdehnen.

23
Okt
09

Monet in Wuppertal

Subjektiver Ausstellungsbericht

In der Stallburg in Wien hatte ich meine erste Begegnung mit Claude Monet, dem Maler. Damals wusste ich nichts über Malerei, fühlte mich lediglich hingezogen zu Bildern in Museen. Hauptberuflich war ich damit beschäftigt, Ehefrau und Mutter eines aufgeweckten kleinen Jungen zu sein. In der Stallburg war ich ganz allein in der Etage der Imperessionisten. Das Kind war unruhig geworden und mit dem Vater an der frischen Luft. Ich stand unvermittelt vor einem Gartenbild Monets und fing ungewollt an zu weinen. Die Aufseherin schaute nicht weg, wie es mir lieber gewesen wäre. Sie schaute mich an, wie ich weinend dort stand und die Schönheit nicht fassen konnte, mich hineingezogen fühlte in diesen Blumenbestandenen Gartenweg in zauberhaftem Licht.  Sie kam dann zu mir und legte den Arm um meine Schulter. Sie liebte dieses Bild und fühlte sich mit mir, einer Unbekannten, durch meine Tränen verbunden.

Gestern nun stand ich auf der Straße, eine gute Stunde lang im zweiten Anlauf, weil der erste Anlauf oder besser gesagt Anstand zwei Stunden gefordert hätte, um Monets Bilder zu besuchen. Ich hatte ihn schon viele Male besucht seit dieser ersten Begegnung, sein Werk und sein Leben waren mir wie nebenbei geläufig geworden. In Paris gipfelte meine Besuchstätigkeit und Bewunderung in der Kathedrale der Seerosenbilder in der Orangerie. Damals konnte man dort allein sein, ohne Gedränge ringsum und damals habe ich mich offenbar satt gesehen an seiner Genialität. Das war der Höhepunkt, nicht zu übertreffen, aber auch nicht wiederholbar.

Von der Ausstellung der im Von-der-Heydt-Museum zusammengetragenen Bilder hatte ich gut zwei Drittel schon gesehen, einige davon mehrmals. Nur ein Drittel kannte ich noch nicht im Original, einige davon als Abbildung. Es hat mich selbst überrascht, dass mir die reduziertesten Bilder seines Euvres, noch nie gesehen bis dahin, am besten gefielen, sie bestehen aus Licht und  gegenständlichen Andeutungen, die nicht benannt werden müssen, weil sie als Farbfläche genau  dort hin gehören ohne preiszugeben, worum es sich handelt.   Alle pastellfarbigen Seerosen und perfekt getupften Landschaften  lösten kein Staunen mehr aus, eher  ein wenig Langeweile, so wie oft gesehene alte Filme, die ich nur aus Gewohnheit und nicht mehr aus Überzeugung gut finde.

Ich verstehe plötzlich, dass Bilder ihre Zeit haben und aus der Zeit herausfallen können mitten in unsere Gegenwart. Die Zeit der Bilder kann nicht konserviert werden, nur die Bilder selbst und dann fehlt etwas. Natürlich fehlt heute das Sensationelle. Die Sensation ist altbacken geworden oder abgehangen, betulich das ehemals Verstörende. Es gab so vieles danach; aber es gab auch einiges davor, was jetzt, nach so langer Zeit, sich mit dem Danach vereinigt und eine Zwangsläufigkeit der Erscheinungen erzeugt.

Sehr deutlich wird das bei der Begleitausstellung der Bilder von Monets Zeitgenossen und Wegbereitern, wobei ein wirklich revolutionärer Vorläufer, nämlich William Turner, fehlte.  Es war die Möglichkeit, Ölfarben in Tuben zu füllen, statt sie umständlich und zeitraubend mit Palettmessern und Mörsern im Atelier anzureiben,  die zur Freilichtmalerei und zur Analyse von der Wechselwirkung zwischen Farbe und Licht, Licht und Form führten, was sich so trefflich in Monets Bildern ablesen lässt.  Für uns Heutige ist das nur noch eine romantische Vorstellung, der Maler draußen, das Haupt mit einem Hut gegen die Sonnenstrahlen geschützt, die Staffelei mit Steinen beschwert, in der Hand die große Palette. Es war eine kurze Epoche.  Manchmal sieht man das noch in den Touristenhochburgen, aber es wird sehr schnell deutlich, es ist eine Attitüde, ein Schaueffekt. Die Bilder sind vorgefertigt und es wird daran herumgepinselt, nicht gemalt. Die einzigen Freilichtmaler, die es tatsächlich noch gibt, sind die Sprayer, aber sie haben nichts mit der gesehen Welt um sie herum zu tun, sie sprühen ihre inneren Bilder oder vorgeprägte Schablonen auf die Wände. Es findet zwar draußen statt, hat aber nichts mit Licht und Formgebung zu tun.

Was würde wohl Monet dazu sagen, wenn er die digital aufgenommenen und sogleich auf Leinwand aufgespannten Sonnenuntergänge sähe. Sie lassen sich sogar „impressionistisch“ verändern, dank technisch ausgereifter Bildbearbeitunsprogramme. So erzeugen heute die „Freiluft-Künstler“ ihre Bilder. Warum also noch gemalte Bilder?

Es gibt auch einen Vorteil, neben vielen Nachteilen,  bei solchen Ausstellungen, die Bilder aus aller Welt wieder an eine Stelle bringen. Wenn drei gleiche Sujets nebeneinander hängen, nur abgewandelt in der Farbigkeit, dann wird sehr deutlich, es ging nicht um diese Landschaft, um diese Architektur, um diesen Heuschober, es ging um die Auseinandersetzung mit Farbe und Licht, um Form durch Licht und Farbe, unabhängig von Umrissen.  Mich wundert es, dass die Bilder der Kathedrale von Rouen überhaupt an unterschiedlichen Orten hängen. Hier in der Ausstellung waren drei davon zu sehen. Eins fehlte und mir fehlte es wirklich, weil die vier, im sich wandelnden Licht des Tages, für mich unbedingt zusammen gehören.  In der Stadt Rouen ist man dazu übergegangen, den Abschnitt der Katherale so zu illuminieren, wie Monet sie gemalt hat. Das erschien mir wie ein Frevel. Traut man den Menschen nicht zu, am Morgen, am Mittag und am Abend zu schauen, wie die Farben sich natürlicherweise verändern. Die Zeit nimmt sich wohl niemand mehr. Und vielleicht wird  auch nur auf den Bildern gesehen, was Monet mit eigenen Augen sah und durch Umwandlung sichtbar machte für die Augen der Betrachter.

Das Verlangen des Besitzenwollens kann in der Museums-Boutique befriedigt werden. Und das hätte selbst Walter Benjamin sich nicht träumen lassen, als er über Die Kunst im Zeitalter der Reproduzierbarkeit schrieb, die großen Gemälde, denen beinahe wie sakraler Kunst gehuldigt wird, auf Bleistiften, Lesezeichen, Halstüchern, Notizbucheinbänden, Kühlschrankmagneten, Puzzlespielen, Mousepads, Schlüsselanhängern usw. Nur auf Wärmflaschen und Klodeckeln habe ich es noch nicht gesehen. Auch das trägt dazu bei, neben der tausendfachen Vervielfältigung in Büchern und auf Postkarten, uns das Staunen abzugewöhnen, die Kunst zum Gewöhnlichen zu degradieren.

19
Okt
09

Manufactum 2009

Die schönen Dinge

Bis zum 15. November ist die Manufaktum 2009 im Museum in Kevelaer noch zu sehen. Alle zwei Jahre wird diese Schau der Kunsthandwerker in verschiedenen Städten durchgeführt. Es werden Staatspreise für 8 Werkbereiche vergeben, Schmuck, Gerät aus Metall, Holz, Textil, Keramik, Stein, Glas, Farbe, Leder/Papier/Fotografie.

Bei diesen Ausstellungen sind immer hochwertige, phantasievolle, ausgefeilte, gekonnte und sehr schöne Objekte zu sehen. So auch dieses Mal in Kevelaer, wo die Arbeiten sehr gut auf zwei Etagen präsentiert werden. Nach dem ersten Durchgang ist ein zweiter zu empfehlen, weil es gar nicht möglich ist, alles zugleich zu erfassen. Neben der betörend schönen Optik strahlen alle Objekte auch die Könnerschaft ihrer Schöpfer aus. Leider ist heute viel zu viel Hingehauenes, Liebloses, Ungekonntes und Nachlässiges zu sehen bei den unzähligen Ausstellungen allerorts. Hier nun verstehen Menschen ihr Handwerk, sie wissen umzugehen mit ihrem Material, kennen die Tücken und die Vorzüge ganz genau. Das verschafft ihnen Freiheit, einfallsreich damit umzugehen. Oft sind die Arbeiten von graziöser Schlichtheit, der Hocker aus Esche soll als Beispiel genannt werden, die leicht ausgestellten Beine des Hockers sind so kunstvoll in der Sitzfläche verzahnt, dass es wie ein schmückendes Element wirkt. Die Hocker gestapelt muten wie ein Kunstwerk an.

Ein Waschtisch aus Beton, in eine Holzplatte eingelassen, wirkt wie ein stark vergrößerte Handschmeichler. Ein dreiflügeliger Tisch lässt sich so ineinander klappen, dass er raumsparend und hübsch anzusehen beiseite gestellt werden kann. Es gibt aber auch Dinge aus Glas, Keramik, Papier, Stein und Filz, die einfach nur Freude machen beim Anschauen, ohne nützlich zu sein. Ein Filzüberzug für Kreuze, in den Farben des Kirchenjahres, eine Brosche aus Platinen, eine Stola aus durchsichtigen, biegsamen Plastikhalmen, eine Fotowand ohne Fotos, nur mit den Klebeecken und Unterschriften versehen, ein Steinkopf aus schwarzem Granit auf das minimalste reduziert und perfekt, haben es mir besonders angetan.

Die ganze Ausstellung bereitet Freude, sie ist ein ästhetischer Genuss. Ich hoffe, dieser Staatspreis bleibt noch lange erhalten. Die Träger haben ihn jeweils verdient, wobei es mir nicht möglich wäre, die Entscheidungen zu treffen, weil alle Arbeiten gut und ideenreich sind.

14
Okt
09

Weißenburg

Bewohnte Stadtmauer

Auf dem Rückweg von der Schweiz zum Niederrhein haben wir in Weißenburg Halt gemacht. Als Unterkunft hatten wir im Internet das Hotel Krone ausgesucht, welches mitten in der Altstadt liegt und auf eine lange Tradition verweisen kann. Vor uns haben dort Philipp Melanchton (1540) und Gustav Adolf von Schweden (1632) genächtigt. Die Einrichtung stammt nicht aus dieser Zeit, zwischendurch wurde modernisiert. Nur im Frühstücksraum hätten wir uns ein Zusammentreffen mit einem der Herren vorstellen können. Die Bleigefassten und bemalten Fensterscheiben, die geschnitzten Zimmertüren und das dunkle Holz der antiquarischen Möbel ließen Vorstellungen von einer anderen Zeit aufkommen. Das Frühstück jedoch war ganz jetztzeitig. Das Hotel „Schwarzer Bär“ und die „Krone“ gehören zusammen. Da der „Schwarze Bär“ belegt war, befanden wir uns als einzige Gäste in der „Krone“, konnten uns jedoch trotzdem von einem Frühstücksbuffet bedienen, das keinen Wunsch offen ließ.

Wir hatten so gut geschlafen in der himmlischen Ruhe des nach hinten hinaus gelegenen Zimmers, dass wir gleich nach dem Frühstück eine Erkundungsrunde durch Weißenburg unternahmen. Wir hatten am Abend schon einiges vom mittelalterlichen Ortskern gesehen, wie das Ellinger Tor, mit dem Hauptturm aus dem 14. Jahrhundert, und das Alte Rathaus, wollten ihn aber bei Tageslicht einmal ganz umrunden. Die Stadtmauer aus dem 14. bis 15. Jahrhundert interessierte besonders, weil sie zu großen Teilen bewohnt ist, was zur Erhaltung beiträgt.

Wie wir erfuhren, ist es nicht immer leicht, Bewohner zu finden, da die Gebäude denkmalgeschützt sind.

Leider war das Apotheken-Museum im früheren Arznei-Keller der Einhorn-Apotheke noch nicht geöffnet und für die gut erhaltene Festung Wülzburg blieb keine Zeit mehr. Wir werden also bei der nächsten Deutschland-Durchquerung hier noch einmal übernachten mit etwas mehr Zeit am Tage.

10
Okt
09

Morteratsch-Gletscher

Gut sichtbare Erderwärmung

Auf dem großen Parkplatz vor dem für den Autoverkehr gesperrten Wanderweg standen viele Autos, so dass wir Gedränge befürchteten. Zunächst sahen wir jedoch nur ein Paar abgestellte Wanderschuhe an einer Telefonkabine, die übrigens auf dem Rückweg immer noch dort standen. Vielleicht wollte jemand nie wieder wandern.

Wir aber wollten zu Fuß zur Gletscherzunge, kamen nicht recht vorwärts, weil sich gleich hinter dem Parkplatz so interessante Wasser- und Steinformationen boten. Ein Stückchen weiter passierten wir das Hotel-Restaurant Morteratsch, direkt neben der Schmalspurbahn, die St. Moritz über den Berninapass mit der italienischen Stadt Tirano verbindet. Diese Bahn gehört zum Weltkulturerbe, was ich erst nachher gelesen habe. Wir setzten uns erst einmal auf die Terrasse des Restaurants neben dem Bahnübergang und ließen es uns bei Schweizer Rösti mit Beilagen wohl ergehen, bevor wir uns auf den Gletscherpfad begaben.

Wir bewegten uns in einer steinigen, breiten Talmulde vorwärts, die anfangs noch begrünt war, aber immer karger und steiniger“ wurde, je näher wir der Gletscherzunge kamen. Seitlich waren Schilder aufgestellt mit Messungen von 1860 an. Diesen Schildern war zu entnehmen, dass der Gletscher sich schon sehr lange zurückzog, erschreckend war nur, dass es in immer kürzeren Zeiträumen geschieht. Am Ende des Tals und am Fuß des Gletschers hatten wir einen beeindruckenden Blick auf das uralte Eis, dem noch abzulesen war, wie es einstmals den Weg ins Tal benommen hat.

Ich musste etwas näher heran, weil ich Höhlen entdeckt hatte. Als ich etwa drei Meter davor stand, sah ich, wie ständig Steinchen von den Eisflächen über den Höhlen herunterrutschten, während es zugleich ohne Unterbrechung tropfte. Als dann ein recht großer Stein, der die Qualität gehabt hätte, meine Kamera zu erschlagen, mit lautem Getöse herunterdonnerte, wagte ich mich nicht mehr näher heran und gab mich mit den bisher gemachten Aufnahmen zufrieden. Erst diese Erscheinung der ständigen Auflösung hat mir deutlich gemacht, welche Veränderungen hier ununterbrochen stattfinden.

Als „die größten Eisdielen der Schweiz“ bezeichnete das Bündner Tagblatt die großen Eishöhlen im Gletscher nach ihrer Entdeckung. Die hätte ich mir auch gerne angeschaut. Doch unsere Zeit im Oberengadin ging mit diesem Tag leider zu Ende. Hier gibt es beeindruckende Fotos davon: http://www.geoimage.ch/242198/245305.html


09
Okt
09

Piz Bernina

Kunstschnee auf dem Gletschereis

Den einzigen Viertausender der Ostalpen wollten wir aus der Nähe sehen. Hochlaufen wollten wir nicht, der Weg sah öde aus, nur Steine und Geröll. Wir fuhren also mit der Diavolezza-Bergbahn auf 2.900 m hoch, das ist weniger anstrengend. Diesmal waren wir nicht alleine, mit uns fuhren Besucher, Wanderer, Kletterer und Animateure nach oben. Einige der Bergbesucher kehrten sofort in das Diavolezza- Berghaus (Hütte kann man das nicht mehr nennen) ein, ein modernes Bauwerk, Hotel und Restaurant, mit verspiegelten Fenstern und allem Komfort.

Die anderen verteilten sich auf die verschieden schwierigen Wanderwege oder standen einfach nur herum.

Um einen besseren Blick nach allen Seiten zu haben, strebten wir dem nächsten kleinen Gipfel zu, eine große Wanderung wollen wir hier oben nicht unternehmen. Ich mag es oberhalb der Baumgrenzen nicht mehr, ich habe gerne Grün rechts und links des Weges.

Hier stolperte ich statt dessen über dicke lange weiße Rollen, die sich wie Baumwollmatten anfühlten. Dann sah ich auch, was etwas tiefer unten geschah. Dort wurden diese Matten gerade sorgfältig und lückenlos ausgelegt über dem Gletschereis. Noch verstand ich nicht was das sollte, bis mein Blick auf die Schneekanonen fiel, die genau in diese Richtung ausgerichtet waren. Aha, erst die Baumwollmatten, dann der Kunstschnee, das schont das Gletschereis? Und die Saison kann früher beginnen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass hier oben, wo es jetzt schon Anzeichen von Neuschnee gab, auf Kunstschnee Ski gefahren würde. Von einem Gletschergebiet würde ich Echtschnee erwarten.

Aber ich bin wahrscheinlich altmodisch. Das war früher so, als wir noch Ski liefen und die Hütten noch nicht beschallt wurden, der Schnee mal eisglatt und mal firnig weich war, je nach Sonnenstand und Temperatur. Heute kommt er sicher in gleichbleibender Qualität aus der Kanone. Vielleicht gibt es Kühldrähte in den Baumwollmatten mit Sonneneinstahlungstemperaturfühlern.

Nachdem wir uns satt gesehen hatten an der grandiosen Kulisse des Bernina-Massivs, zu dem der Bellavista, der Piz Palü, der Piz Roseg gehören und auf deren Höhen die Grenze nach Italien verläuft, wobei beide Länder die höchste der Spitzen mit 4.048,6 m für sich beanspruchen, an den Nachbarbergen Piz Prievlus und Piz Morteratsch, alle mit ewigem Schnee bedeckt, nahmen wir die Godel zurück ins Tal. Ich konnte mich für die kalte Pracht nicht so recht erwärmen.

07
Okt
09

Fextal

Die Stille und die Spatzen

Nachdem wir Maloja erkundet hatten, wollten wir höher hinaus. Aus Rücksicht auf unseren Hund, der schon ein alter Herr ist, entschieden wir uns für die Furtschellas-Bergbahn, die uns auf 2.400 m Höhe oberhalb der Seen bringen sollte. Von dort, so konnten wir der Karte entnehmen, gibt es einen Wanderweg, der ins Fextal hinab führt.

Die Wanderwege sind alle gut beschildert. Wir wandten uns nach rechts und wurden sogleich mit einem weiten Blick über das Tal, den See und die Wolken über Maloja belohnt. Sie hingen dort fest wie am Vortag, während wir hier oben von der Sonne gewärmt wurden.

Auf dem schmalen Pfad kamen uns bald die Almbewohner entgegen, nicht gewillt, zur Seite auszuweichen, das blieb uns überlassen. Sie interessierten sich nur für den Vierbeiner in unserer Gesellschaft.

Wenig später auch hier wieder das Pfeifen der Murmeltiere, diesmal zu weit weg für ein Foto. Es war angebracht auf den Weg zu achten. Um nach oben zu schauen, zu den vielen kleinen Wasserfällen, zu interessanten Felsformationen oder einzelnen Bäumen in schwindelnder Höhe, musste ich jeweils stehen bleiben.

Den Blick nach unten vermied ich, bis der Weg sich verbreiterte oder große Steine vor mir lagen. Ganz allmählich ging es bergab. Leider waren die meisten Blumen schon verblüht bis auf den Enzian. Im Frühsommer muss es hier herrliche Farben geben. Nach etwa zwei Stunden erreichten wir den Talboden, der immerhin auch auf knapp 2.000 m liegt, als höchstgelegenes Tal in der Schweiz. Unser Hund stillte den Durst an der Tränke, wir kehrten in das Restaurant ein, dass zu einem Hotel gehörig fast am Ende des Tals liegt. Es ist ganz wunderbar still dort draußen. Das Tal ist streng naturgeschützt.

Nur die wenigen Anwohner dürfen mit dem Auto hinein. Feriengäste müssen die bereitstehenden Pferdekutschen – im Winter -schlitten – benutzen. Auf der Web-Site des Hotels fand ich den Satz:
„Hier ist es so still, dass manche Gäste sich am ersten Tag fürchten.“
Ich bekam sogleich Lust, dort eine Woche zu verbringen. Erst recht, nachdem uns eine Heidelbeertorte serviert wurde, die mit echten Waldheidelbeeren belegt so köstlich mundete, dass ich sie mir durchaus als tägliches Nachmittagsvergnügen vorstellen konnte. Vergnügen bereiteten auch die Spatzen auf den Nebentisch, die sich schamlos über die Nudelreste hermachten und schon mal ein paar herüberschickten auf unseren Tisch, zu schauen, ob an die Teller schon heranzukommen war. Ich musste meinen Blaubeerkuchen regelrecht verteidigen. Als der Teller leer war, sprangen sie darauf und pickten jedes Krümelchen auf, sie leckten sogar die Sahnereste, indem sie die Schnäbel schräg legten und seitlich die kleinen Zungen über die Sahnespuren zogen. Das habe ich so noch nie gesehen.

Auf dem Rückweg durch das Tal kamen wir noch an der Bergkapelle in Crasta vorbei, die malerischer nicht liegen könnte. Innen befinden sich Fresken aus dem Jahre 1511, die im Verlauf des Bildersturms übermalt und im 20. Jahrhundert wieder freigelegt wurden.

Mit einem letzten Blick ins Tal verabsichiedeten wir uns im heraufziehenden Abenddunst von diesem herrlichen Fleckchen Erde, weitab von jeder Form des Lärmterrors.

05
Okt
09

Maloja

Morgennebel in Gletschermühlen

Am Ende des Silsersees, dort wo ein „unechter“ Pass 200 Höhenmeter weit hinunterführt ins Bergell und die italienische Grenze nicht weit ist, liegt Maloja. Wir wurden gleich mit einem Wetterphänomen konfrontiert, dass schon 1924 zu einer Filmdokumentation durch den ‘Bergfilmer Arnold Franck führte, wie ich jetzt erst herausfand. Es ist eine Wolkenschlange, die sich über den Ort legt, während oberhalb vom blauen Himmel die Sonne darauf herunter scheint. Wir hatten am nächsten Tag Gelegenheit, das von hoch oben zu betrachten. Jetzt waren wir mitten drin im Nebel.

Also schauten wir uns zuerst nach dem Atelier von Giovanni Segantini um, der hier die letzten 5 Jahre seines Lebens wohnte und arbeitete. Leider war das hübsche Holzhaus mit dem runden Anbau und einem dekorativen Kuppeldach geschlossen. Wir folgten statt dessen kurzentschlossen den Hinweisschildern zu den Gletschermühlen, ohne jede Ahnung, was das sein könnte, Flachländer, die wir sind. Es war der richtige Weg, er führte zunächst zu einem Turmbauwerk, dem Torre Belvedere, erbaut um 1880, als Maloja zu einem Ferienort für die gehobene Aristokratie werden sollte. Das damals zu dem Zweck gebaute prunkvolle Palace-Hotel steht immer noch, wirkte jedoch verblichen und verlassen. Der Turm ist im Besitz des Kurvereins Maloja und wird für Ausstellungen und eine Dokumentation über Segantini genutzt. Der Maler hatte Großes mit dem Turm und dem angrenzenden Bauwerk vor. Er wollte es schlossähnlich umbauen, die Zeichnungen dazu waren ausgestellt und zeugen von leichtem Größenwahn, wenn man weiß, wie viele Gläubiger hinter ihm her waren.

Im Turm führt nur eine schmale Treppe nach oben, die Räume auf den 4 Etagen sind jedoch groß und hell. Von der oberen Plattform aus wird man an Tagen ohne Nebel einen wunderbaren Blick den Pass hinunter ins Bergell haben. Der Nebel hatte aber auch seinen Reiz.

Wir folgten nach ausführlichem Rundgang um die halbe Ruine dem Weg weiter in den Wald, bis wir zu den Gletschermühlen gelangten. Diese Gletschertöpfe stammen aus der Eiszeit, das Schmelzwasser floss zusammen zu starken Strömen, bildete Wirbel mit Fließgeschwindigkeiten bis zu 200 km/h. Sand und Kies frästen zusammen mit dem Wasser die Löcher ins Gestein.

Nur durch Zufall werden diese Gletschertöpfe entdeckt, da die meisten in der langen Zeit mit Geröll, Erde, Holz und Humus zugeschüttet wurden.

Auf dem Rückweg hatten wir einen schönen Blick auf den jungen Inn als Wasserfall. Der Silsersee lag immer noch im leichten Dunst, als wir uns auf der Terrasse des Restaurants Bellavista niederließen und genau das auf uns wirken ließen, eine wunderschöne Aussicht.