Hafenstadt Cherbourg-Octeville

Der Morgendunst lag noch über der Hafenstadt, als wir Cherbourg-Octeville erreichten und uns sogleich über die Ruhe wunderten, da wir Hafenstädte meist als betriebsam erleben. Im Industriehafen war es still wie an einem Feiertag. Nur die Angler waren sehr beschäftigt.

Da es sich um einen Seehafen handelt, hatten wir zwei oder drei Kreuzfahrtschiffe erwartet, die etwa 30.000 Touristen jedes Jahr hierher bringen. Statt dessen sahen wir die Masten der Segeljachten und ein paar Fischerboote.

Ein Krabbenkutter erregte die Aufmerksamkeit der Passanten, etwa zwei Dutzend Menschen sahen zu, wie die Krabben entladen wurden. Auch hier wurde alles mit Ruhe gehandhabt. Hektik scheint dieser Stadt mit ca. 40.000 Einwohnern fremd zu sein.

 

Vom Hafen aus sind es nur ein paar Schritte in die Altstadt, die glücklicherweise nicht völlig zerstört worden war im letzten Krieg. Um den Hafen herum ist hauptsächlich Nachkriegsarchitektur zu sehen, schlendert man durch die Gassen der Altstadt, findet man das typisch französische Flair kleiner Städte.

Das Café de Paris, direkt am Hafenbecken gelegen,  ist meine Empfehlung für die Mittagszeit oder das Abendessen.


Kleine Helfer

Mitesser

 

Ameisen auf Apfel

Sie schaffen 280 g in 48 Stunden. Alles, was sie fressen, muss ich nicht aufheben.


Obsternte

Wegen der Ernte muss ich meinen Reisebericht über die Normandie kurz unterbrechen. Es gibt sehr viel Äpfel dieses Jahr aber auch sehr viel beschädigtes, unbrauchbares Obst. Es war zu feucht. Ich musste sehr viel Obst beiseite schaffen. Aber jetzt kommt das meiste zur Obstkelterei. Nur die Birnenquitten waren uneingeschränkt prächtig, bis zu 500 g das Stück und innen wie außen goldgelb.


Keine Verbindung nach England

Am nächsten Morgen wies uns die Hausdame nach einem guten Frühstück den Weg zur nächsten Tankstelle, etwa 6 km entfernt. Nach den Berechnungen meines liebsten Reisebegleiters hatten wir noch eineinhalb Liter Benzin im Tank. Tagsüber waren die Straßen zum Glück ein wenig belebter, innerhalb einer viertel Stunde kam schon mal ein Auto vorbei. Wir erreichten die Tankstelle an einer Hauptstraße. Die Zapfsäule zeigte von einen Betrag von 7,36 und ließ sich nicht auf Null stellen. Der Tankstellenmann verhandelte direkt neben uns mit einem Lastwagenfahrer und ließ sich nicht stören. Schließlich gab im Inneren der Werkstatt jemand Auskunft, dass diese Zapfsäule, die einzige, defekt sei. Wir erfuhren als freiwillige Zugabe, dass die nächste Tankstelle in 1 km Entfernung beim SuperU zu finden sei.

Bis dahin ging es bergab und beinahe wären wir noch daran vorbeigefahren. Der Tank fasst 60 Liter, getankt haben wir 61,5 Liter. Noch mal gut gegangen! So konnten wir jetzt mit Ruhe weiterfahren nach Barneville-Carteret, wie Surtainville an der Westküste der Halbinsel. Dort wollten wir nachschauen, ob uns tatsächlich keine Fähre nach Jersey hinüber bringen würde. Die Ermittlungen im Internet hatten das ergeben. Es stellte sich als richtig heraus, die ganze Woche gab es keine Fährverbindung. Wie konnte das sein?

Hafeneinfahrt Barneville-Carteret

Die Insel war deutlich zu erkennen, bei klarer Sicht sogar die Felsen, die im Wasser vor der Insel aufragen. Wir hatten den Eindruck, ein Ruderboot würde genügen, so ruhig wie das Wasser war ohne Wind. Gab es denn hier keinen Austausch von der Insel zum Festland und zurück? Das ist doch bei allen Inseln so. In der Saison gibt es wohl einen Fährverkehr, wie uns schien, aber nur für Touristen.

Im Segelhafen fragte ich mich, ob diese Boote, wenn sie denn segeln, bis Jersey hinüber kommen. Aber segeln sieht man sie ja so gut wie nie, sie liegen immer nur in Häfen herum.

Statt eines Fährausflugs haben wir eine Wanderung unternommen, hoch zum Leuchtturm und zurück. Es hatte sich gelohnt, hierher zu fahren, die Landschaft bietet alles, was man sich von einer Küste wünschen kann, steile Klippen, weite Strände, hohe Dünen, kleine Wäldchen und noch die Ruine einer alten Kirche.  Leider haben wir mittags im Hafen das schlechteste Essen unserer Reise serviert bekommen.


Leerer Magen und leerer Tank

Da wir uns in Amiens etwas länger aufgehalten hatten, als vorgesehen war, außerdem die 400 km bis zur Halbinsel gemütlich zurücklegten, kamen wir erst am späten Nachmittag in Surtainville an. Ich hatte lange im Internet gesucht und diese Chambres d’hotes „Logis de la Mare du Park“ gebucht. Mit dieser Art Unterkunft haben wir in all den Jahren in Frankreich immer nur gute Erfahrungen gemacht. Auch hier war alles zu unserer Zufriedenheit, ein großes Zimmer mit Sitzgelegenheiten und einem großen, sehr guten Bett, ein schönes Bad, gemütlicher Frühstücksraum, Parkmöglichkeit direkt im großen Hof. Bis zum Meer mussten wir 5 Minuten fahren.
Das kleine Örtchen liegt vor den Dünen, in Hügel eingebettet, es gibt eine Kirche, ein Rathaus, eine Boulangerie und diesen kilometerlangen Strand, wenn man die recht hohen Dünen durch den weichen Sand hinunter geschlittert ist. Es fehlte uns jetzt, nach der Fahrt, eine kleine Café-Bar. Wir liefen bis zu den Klippen, jedes Häuschen hinter den Dünen nach einem Zeichen absuchend. Es gab keine Café-Bar, nicht mal eine, die wegen Nachsaison schon geschlossen hatte. Ein Zeichen, dass die Gegend touristisch nicht überlaufen ist. Das sollte sich noch an anderen Stellen bewahrheiten. Auch ohne Café konnten wir den Strand und das Meer genießen, ich hatte so lange darauf warten müssen. Mehr als ein Jahr.

Strand von Surtainville

Unsere Vorräte für unterwegs waren so gut wie aufgezehrt, also machten wir uns auf, ein Restaurant zu suchen. Wo Strände sind und Wasser sind immer auch Restaurants. So auch hier im nächsten Ort, in Le Rozel am Campingplatz. Ein Tisch war noch frei, doch die Wirtin wies uns wieder hinaus, ziemlich barsch. Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, ob wir als Deutsche vielleicht nicht willkommen sind. Sie hat unser Autokennzeichen sehen können durch die großen Fenster. Bei großem Hunger ist so was ärgerlich. Allerdings hatte der Benzinanzeiger schon vor einer Weile Mangel angemeldet. Mich macht das leicht nervös. Wir fuhren also in den nächsten Ort, dort gab es weder Restaurants noch Tankstellen, das ging eine Weile so weiter bis ich schließlich in einem kleinen Garni-Hotel nach dem nächsten Restaurant fragte. Die Dame an der Rezeption war sehr freundlich und legte einen vorgedruckten Zettel auf den Tresen. Sie kreuzte die Restaurants in der Nähe an, die sonntags geöffnet haben. Das waren nur zwei, eins weiter weg. Tankstellen nannte sie mir bei den Supermärkten. Was das bedeutet, hatten wir schon einmal erfahren. Dort kann man zwar sehr günstig, aber an Sonn- und Feiertagen nur mit einer speziellen Kundenkarte tanken.
Es war niemand auf den Straßen unterwegs, nur wir. Das Restaurant in der Nähe fanden wir nicht, das weiter weg gelegene wollten wir nicht riskieren. Wir machten uns auf den Rückweg in einem Bogen, der an dem Ort vorbeiführen würde, den wir bei der Hinfahrt zum Quartier schon gestreift hatten. Als wir dort ankamen, hatten wir fast 40 km zurückgelegt mit durstigem Tank. In der gut erhaltenen Burg von Bricquebec gab es  ein Hotel mit Restauration. Die Rettung. Wir haben im Rittersaal vorzüglich gegessen und uns dann mutig wieder ins Auto gesetzt. Die Strecke war stockdunkel und so autoleer, wie man es in Europa gar nicht für möglich hält. Ich war sehr erleichtert, als wir unser Quartier erreichten. Am nächsten Tag würden wir weitersehen.
Merke: Niemals an Sonntagen in Frankreich mit fast leerem Tank ankommen.


Schwimmende Gärten und ein Wolkenkratzer

Den nächsten Morgen in Amiens hatten wir für den Besuch der Schwimmenden Gärten, Les Hortillonnages genannt, reserviert. Wir hatten darüber schon gelesen und waren nun neugierig. Da wir früh auf den Beinen waren, konnten wir direkt das erste Bötchen besteigen, welches einen Besuch dieser einmaligen Gartenanlage ermöglicht, es sei denn, man will schwimmen.

Das Gebiet von 300 Hektar war einmal ein Sumpfgebiet. Vor über 2000 Jahren , wurde hier Torf gestochen.  Seit dem Mittelalter bauen die Einwohner von Amiens auf dem fruchtbaren Boden, der damals 10000 Hektar umfasste, zwischen den Wasserläufen Obst und Gemüse an. Das ist heute zum Teil noch der Fall, das Obst und Gemüse wird samstags von Booten aus verkauft.

Viele der Inselchen dienen heute als Freizeitgärten, mit Hütten darauf und bunter Blumenbepflanzung. Natürlich gibt es genug Wasservögel zu beobachten. Der Bootsführer des ganz leise laufenden Bootes hatte ein altbackenes Baguette dabei, die Wasserhühner, Enten und Schwäne warteten schon auf sein Kommen. Ich hoffe, ich habe alles richtig verstanden, er hat extra ganz langsam gesprochen für uns.

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Eine weitere Eigenheit konnte ich bei der Rückkehr ins Hotel fotografieren. Dieses Bauwerk mitten in der Stadt ist höher als die Kathedrale und sorgt zusammen mit ihr dafür, dass man sich nicht verlaufen kann. Mir erschien dieser Wohnturm ungewöhnlich, weil er bezugslos zwischen den höchstens sechstöckigen übrigen Wohnhäusern in der Nähe des Bahnhfs steht und tagsüber ein wenig abweisend wirkt. Nachts ist er durch Illumination bedeutend attraktiver. Erst zu Hause konnte ich nachlesen, dass es der erste Wolkenkratzer Frankreichs sein soll, erbaut von Auguste Perret, der auch in Le Havre beim Wiederaufbau seine Handschrift hinterließ. Der Wohnturm heißt folglich Tour Perret. 1950 wurde mit dem Bau begonnen, nach Fertigstellung bliebt der Turm sieben Jahre ungenutzt. 1959 wurde das Innere in Wohnungen und Büros umgebaut und der Turm um sechs Meter erhöht auf 110 Meter.


Amiens

Obwohl wir um diese Jahreszeit unsere kleine Obstplantage gar nicht verlassen dürften, war eine Pause von der Arbeit dringend geboten. Eine Woche konnten wir uns genehmigen und wählten die BasseNormandie für diese Reise aus.
Auf dem Weg dorthin machten wir in Amiens Station, es liegt genau auf der halben Strecke, 400 km entfernt, in der Picardie, Departements Somme.

Die Somme und ihre Nebenflüsse Selle und Avre beleben das Bild der Altstadt aufs schönste, da sich die bunten Fassaden der Häuser darin spiegeln. Im Altstadtbereich muss man nicht lange nach Restaurants suchen, vielmehr fällt die Wahl schwer, man scheint überall gut essen zu können.

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Zufällig konnte ich eine Großfamilie beobachten, die vollzählig zum Abendessen erschien. Das Schwanenpaar hatte neun Schwanenkinder, alle wohlgeraten, wobei das neunte immer ein wenig abseits blieb.

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Wo auch immer man sich im Innenstadtbereich aufhält, der Blick fällt auf die gotische Kathedrale. Es ist offenbar die größte des an Kathedralen reichen Landes.

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Schon die Fassade beeindruckt durch den filigranen Figurenschmuck der Portale. Das gesamte Äußere sowie das überwältigende Innere mit einer Höhe von über 40 m im Langhausgewölbe entzog sich meiner Fotografierkunst. Ich musste mich mit Details zufrieden geben, wie die unzähligen Wasserspeier an allen Seiten des Bauwerkes. So viele habe ich noch nie an einer Kirche gesehen, sobald ich den Kopf nach oben hob, grinste mir eine Fratze entgegen. Besonders gut gefielen mit die Sockelfiguren am Hauptportal, jede schien eine Geschichte zu erzählen.

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Im Inneren fielen mir besonders die farbigen gefassten Holzarbeiten zu „Mausolée de Ferry de Beauvoir“ und „Mausolée d’Adrien des Hénencourt“ auf, wegen des Detailreichtums der geschnitzten je vier Szenen über den Sarkophagen. Jedes Gesicht der mit vielen Personen bestückten Szenen hatte einen ganz eigenen Ausdruck, sehr lebendig.

2014-08-30 um 14-59-51

Von der Rückseite wirkt die Kathedrale gar nicht so übermächtig.


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