08
Feb
09

Köprülü-Kanyon-Nationalpark

In’s wilde Innere

Wir hatten zu Anfang am Strand von Side die Angebotsschilder mit Fahrten in den Köprülü-Kanyon-Nationalpark gesehen und wollten ihn uns auf eigene Faust anschauen.
Der Abzweig dorthin und nach Selge ist etwa 5 km östlich von Aspondos ausgeschildert. Eine asphaltierte Straße führt in leichten Serpentinen durch hügeliges und später bergiges Gelände. Wir wunderten uns über die das aufgewühlte Erdreich und die Baumlosigkeit, bis wir bemerkten, wie viele Holzstapel an den Wegen entlang aufgeschichtet waren. Die wenigen noch stehen gebliebenen Stämme zeigten schwarze Brandspuren. Kurz nachdem wir die Schlussfolgerung eines großen Waldbrandes gezogen hatten, was wir später im Hotel bestätigt bekamen, sahen wir auch die ersten Kamps, Hütten aus Holzlatten und Plastikplanen, die wir für Lagerschuppen hielten, die sich aber als Behausungen für die Waldarbeiter und ihre Familien herausstellten. Für die zahlreichen Mulis gab es jeweils einen Extra-Schuppen. Auf dem Rückweg sahen wir dann die Frauen zwischen den Hütten an den Kochstellen stehen, die Männer an den Tischen unter den Bäumen. Ich habe mich nicht getraut zu fotografieren. Mir ging durch den Sinn, dass es nachts noch empfindlich kalt war, um null Grad, und versuchte mir vorzustellen, in so einer Hütte zu schlafen.

Über etliche Kilometer zog sich das verbrannte Gelände hin, überall waren Waldarbeiter mit Mulis zu sehen. Hin und wieder öffnete sich der Blick auf den kleinen Fluss mit grünblauem Wasser, Stromschnellen und Wasserfällen hier und da. Nach etwa 40 km erreichten wir ein Plateau mit einer Ansammlung von etwas besser ausgestattenen Hütten, einige davon waren Restaurantpavillons, nicht alle geöffnet. Busse waren nicht zu sehen und wir somit die einzigen Touristen hier oben. Beim Aussteigen wurden wir sofort angesprochen von einem jungen Mann, der heftig stotterte und wir ihm schon aus Mitleid folgten, als er uns zu einem Restaurant direkt oberhalb des Flusses führte. Da wir eine kleine Stärkung brauchen konnten, bestellten wir die angebotenen Forellen aus dem Fluss.Den Preis von 9 Euro zeigte der junge Mann uns auf dem Handy-Display und lief eilig ins innere des Pavillons. Kurz darauf ließen zwei andere junge Männer ein Boot ins Wasser und wir waren sicher, wir bekämen nun die frischesten Forellen unseres Lebens, da wir sahen, wie sie ein Netz ins Wasser ließen.

Tatsächlich dauerte es nicht lange und die Fische standen vor uns auf dem Tisch, frisches Brot und Salat dazu. Allerdings schwamm das Boot noch immer auf dem Fluss. Wahrscheinlich wurde nur umgehend für Nachschub gesorgt, denn diese gegrillten Forellen waren tatsächlich wie fangfrisch und die besten, die wir je gegessen haben.

Wir fragten nach der Straße nach Selge und fuhren weiter, über eine abenteuerliche Römerbrücke, deren Begrenzungsmauern gerade mal 2 cm Platz ließen neben den Spiegeln des Clio. Ich hielt mich nach dem Aussteigen gut an der uralten Brüstung fest, um in die Schlucht hinunter zu blicken.

Wir hätten auch ein Boot mieten können und eine Rafting-Tour machen. Mir als Wasserratte hätte das gefallen, aber meine bessere Hälfte ist ein absoluter Land-Mensch. Daher weiter in die Berge, nachdem wir einer Kopftuchfrau den Schmuck nicht abgekauft haben, den sie, wie aus dem Boden gewachsen vor uns stehend, dringend an den die einzigen Kunden des Tages bringen wollte. Nach der dritten Serpentine am Seitenrand eine Ziegenhirtin mit Handy. Wie sich die Zeiten hier dekorativ vermischen, es war ein idyllisches Bild, die junge Frau, die schwarzen Ziegen und das silberne Handy. Auf die Ziegen mussten wir acht geben, sie hatten gar keine Scheu vor Autos, so wenig, wie die Menschenpaare, die nun alle 2 bis 3 km am Straßenrand lagerten, aufsprangen, wenn sie das Auto sahen und sich mit ähnlichem Anliegen wie die Schmuckfrau mitten auf die Straße stellten. Weit und breit keine Häuser und keine anderen Fahrzeuge.

Je höher wir kamen, desto grandioser wurden die Ausblicke auf die Felsformationen und ins Tal. Nach 11 km auf 1.000 m Höhe sahen wir schließlich das Dorf auf dem Gipfel dieses Berges, von noch viel höheren Bergen umgeben. Die terrassenförmige Anlage vor dem Dorf war sicher ein Theater oder Stadion gewesen in grauer Vorzeit. Als wir das Dorf erreichten, standen schon kleine Jungen bereit und forderten Geld: „Gib mal Euro, Chef!“ Nun kam mir die Idee, die Ziegenhirtin hatte nach Hause telefoniert, denn aus einem der Häuser kam sogleich eine junge Frau, die sich als selbsternannte Fremdenführerin an unsere Fersen heftete und schließlich ihre Holzlöffel verkaufen wollte.

Oberhalb des Dorfes war das Amphitheater zu erkennen, eine großartige Lage, mit Blick auf die Bergwelt ringsum. Vom Kloster und vom Tempel sind nur noch die Grundmauern übrig. Die Häuser des Dorfes sahen so aus als wären die Steine der Antike benutzt worden, so dass hier nicht so viel erhalten geblieben ist, wie in Aspendos. Die Griechen sollen Selge gegründet haben und etwas später war es wegen seiner wilden Krieger berüchtigt. In der byzantinischen Zeit wurde es Bischofssitz und bis heute ist der Ort immer bewohnt gewesen. Ein schönes Fleckchen Erde, aber sicher nicht einfach zu bewohnen.

Mir kam der Gedanke, dass ich hier nichts zu suchen hatte. Von werweißwoher kommend latschte ich mit meinen „deutschen Schlappen“ durch das bewohnte Dorf, nicht um die Bewohner zu besuchen und mich nach ihrem Wohlergehen zu erkundigen, sondern um die Reste der Behausungen der Ex-Bewohner vor hunderten von Jahren zu sehen, die Aussicht zu bestaunen und ein paar belanglose Fotos zu machen. Die Bewohner störten eher, weil sie etwas von mir wollten, was ich im Verhältnis zu ihnen im Überfluss besitze. Das dokumentiert sich durch meine bloße Anwesenheit in dieser sonst verlassenen Bergwelt. Es wirkte alles pittoresk romantisch ringsum, aber nicht einen einzigen Winter würde ich hier verbringen wollen, einen heißen Sommer schon gar nicht.

Nachdenklich fuhren wir zurück. Die Paare an den Straßenrändern waren verschwunden, die Ziegenhirtin auch. Nur ein paar einzelne Ziegen schauten uns keck hinterher.


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