Archiv der Kategorie 'Ausflüge'

27
Nov
09

Hüttenzauber

Weihnachtsmarkt in Duisburg  – Verbesserungsvorschlag

Es ist wieder so weit. Ich muss von meinen Ressentiment abrücken und die Dinge in einem andere Licht, als nur dem weihnachtlichen, betrachten. Daran hält sich sowieso niemand mehr, nicht mal den Totensonntag wartet man ab, die Grablichter werden längst überstrahlt vom frisch installierten Weihnachtslichterglanz der Innenstädte.

Es scheint ein unaufschiebbares Bedürfnis zu geben, endlich wieder die Holzhütten vor die Paläste zu stellen, weil der Erntedank-Markt, der mittelalterliche Handwerker-Markt und erst recht der Pfingst- und Ostermarkt schon so lange zurück liegen.

In Duisburg versauen dekotechnisch gesehen die Holzschuppen die ausgeklügelte Lametta-Lichtberieselung vom neuen Luxus-Forum, alles ist so vollgestellt, dass kaum noch was zu sehen ist. Steht dazwischen ein Schiff? Es kommt ein Schiff (über)geladen! Lediglich der Zauberlichterbaum zwischen den blauerhobenen Rasenflächen und dem dankenswerterweise dunkel belassenen Landgericht kann seine strahlende Wirkung voll entfalten.

Wenn so viel Aufwand für sechs Wochen getrieben wird, muss es sich lohnen! Da die Binnennachfrage seit langem, außer im Dezember,  nicht richtig in Gang kommen will, obwohl doch nun wirklich jeder weiß, dass der Privatkonsum uns aus der Krise reißen wird,  sollte darüber nachgedacht werden, diesen Dezember auszuweiten, ganzjährig. Es wundert ja nicht, wenn in den Holzhütten besser verkauft wird, als in den Palästen, weil dort offenbar tatsächlich verkauft werden soll, was sich angesammelt hat das Jahr über oder vom letzten übrig geblieben ist. Die Hüttenverkäufer sind freundlich und zuvorkommend. Vor allem, es ist immer jemand da, den eine willige Käuferin ansprechen kann. Man spart sich die Zeiten, die man in den Palästen herumlaufen muss, nassgeschwitzt, weil die Klimaanlage auf herumstehendes Personal und nicht auf gehetzte Käufer eingestellt ist, um überhaupt jemanden zu finden, der verkaufswillig und auch mit den Produkten vertraut ist, vielleicht sogar, wenn es hoch kommt, mit dem Angebot des Hauses. In der Hütte sagt niemand: „Da kann ich Ihnen auch nicht helfen, ich kassiere hier nur“. In der Hütte wird gezeigt, vorgeführt, ausgebreitet, beraten, eingewickelt, mit Sternchen und Bändchen versehen und kassiert in Personalunion. Wartezeiten entstehen nur durch den Andrang, der sich bei Ganzjährigkeit vielleicht auch entzerren würde. In den Palästen könnte man, da nun mal gebaut und der Abriss zu teuer würde, Parkflächen einrichten, damit die Hüttenbesucher den Anwohnern ringsum nicht die Schlafplätze für die Autos blockieren. Welche unglaubliche Einsparung an Energiekosten allein diese Maßnahme bedeutete.

Die mittelständische Industrie und das Handwerk würde angekurbelt, es gäbe genügend Heimarbeit für allein erziehende Mütter, so dass die geplanten Kitas in der Planung bleiben könnten, in der sie schon seit Jahrzehnten stecken,  die Konzerne könnten ruhig ins Niedriglohnausland abwandern, weil die Binnennachfrage nach handgehobelten Sperrholzkästchen, gewebte Decken mit Norwegenmuster, handschmeichelndem Holzspielzeug ohne Nitrolacke, Schmuck aus mit Lebensmittelfarbe durchgekautem Papier, Schluffen aus handgesponnener Hundewolle, Häkelboleros aus Maschendraht, Filsrosenschultertücher, Mützen aus gestreiften Vogelfedern, Weidenzweigschneebesen, marmorpapierbezogenen Minischreib- und Zeichenbüchern mit Gänsekielfedern und mundgeblasenen Tintenfässchen, handgestrickten, wattegefüllten Tierimitationen, reis- und erbsengefüllten Percussionsinstrumenten, Seidenkrawatten in Kartoffeldrucktechnik, Zahnbürstenspritztechnik auf handgeschöpftem Büttenbriefpapier, Siliconklodeckeln mit eingeschlossenen Muschel- und Schneckengehäusen, Tischläufern aus naturbelassenen Bambusstäbchen mit Seidenfadenheftung, Bilderrahmen mit selbstfärbender Spachtelmasse, Mosaikuntersetzer aus farbigen Glasscherben vom Ehekrach, Blumenübertöpfe aus gehämmerten Bleckhdosendeckeln, Mobilés aus halbabgebrannten Streichhölzern, Handytäschchen aus gegerbtem Mäuseleder, nun das ganze Jahr über befriedigt würde und die Exportgewinne haushoch überträfe.

Im Sommer sollte es allerdings bunte Cocktails geben statt Glühwein. Statt Reibekuchen Obstsalat aus heimischem Anbau. Und die Bezeichnung für den Markt würde monatlich in einem Kreativ-Wettbewerb ausgelost.

15
Nov
09

Kapellenplatz Kevelaer

Sonntags nie

Kevelaer zu besuchen kann ich empfehlen, ist es doch eine Staat voller Kunst und Kultur, bis auf die Einschränkung, wochentags hinzufahren. Sonntags nie! Diesen Grundsatz hatte ich vergessen, als mich der Wunsch nach Kaffee und Kuchen bei einer Radtour durch das Donkgebiet um Kevelaer herum in die Stadt hineintrieb und auch schnell wieder hinaus. In der Pilgersaison kann man dort sonntags nur als Pilger sein oder als Mensch mit guten Nerven.

Die Ortschaft ist alt. Von einer Besiedlung in der älteren Eiszeit, etwa 800 v. Chr. zeugen Urnen und Brunnenrestfunde. Was folgt ist eine interessante und bewegte Geschichte, die bei Interesse nachgelesen werden kann in Wikipedia. Ich greife nur ein Ereignis heraus, was mir aus der beruflichen Beschäftigung mit Hendrike Busmann vertraut ist und Kevelaer zu dem verholfen hat, was es heute noch ist. Als Datum für das wichtige Ereignis lässt sich der 1. Juni 1642 festlegen, an dem Tag weihte der Pfarrer von Kevelaer ein Bildstöckchen und setzte einen Kupferstich der Mutter Gottes Maria „Consolatrix Affictorum“ (Trösterin der Betrübten) von Luxemburg ein. Zu diesem Bildstöckchen ist es gekommen, nachdem der geldrische Händler, der mit Waren in seiner Kiepe über Land zog, an der Kreuzung der alten Handelsstraßen Amsterdam-Köln/ Münster-Brüssel drei Mal den Ausruf: „An dieser Stelle sollst du mir ein Kapellen bauen!“ hörte, dies seiner Ehefrau Mechle mitteilte, die daraufhin des Nachts im Traum das Bildstöckchen in hellem Lichte vor sich sah. Er baute es also, obwohl nicht reich, aber doch gläubig. Mit der Weihe des Kapellchens wurde Kevelaer zum Wallfahrtsort.
Unterbrochen wurde die Tradition 1794/95 mit der französischen Besatzung. 1798 wurden Prozessionen verboten und sämtliche Kreuze an Wegen und Kirchen entfernt. Das Gnadenbild wurde in der St. Antonius Kirche versteckt. Die Klöster wurden geschlossen, die Gnaden- und Kerzenkapelle gingen in staatlichen Besitz über.

Erst 1840 wurde das Verbot von Wallfahrten wieder aufgehoben. 1892 wurde dem Gnadenbild eine goldene Krone durch den Papst verliehen. Es kamen immer wieder prominente Vertreter der Katholischen Kirche nach Kevelaer, u.a. Mutter Teresa, Kardinal Ratzinger und Papst Johannes Paul. Alle sind sie in Bronze gegossen auf der Seitentür der Basilika zu finden. Auch die Vorderfront der Basilika ist überladen mit Figuren, geschaffen von Professor Bert Gerresheim. An ihm als Gestalter kommt der Besucher in Kevelaer nicht vorbei. Auf dem Kapellenplatz steht ein Fernrohr, mit dem das Figurenspektakel an der Basilika betrachtet werden kann.

An ruhigen Wochentagen wirkt der baumbestandene Kapellenplatz mit der Basilika, der Gnadenkapelle und der Kerzenkapelle recht beschaulich. Es zweigen kleine Straßen von ihm ab mit hübschen Häusern. Es lässt sich gemütlich hindurch schlendern, die schön gestalteten Türen fallen auf, auch das Schild des Mariologischen Instituts vom Internationalen Mariolgischen Arbeitskreis. Das es so was gibt! An Sonntagen in der Pilgersaison allerdings fällt eher auf, wie stark Religion jetzt und schon immer mit Geschäft verbunden war. Die Restaurant- und Café-Dichte ist hier wahrscheinlich die höchste am ganzen linken Niederrhein und übertrifft leicht die Kirchen- und Kapellendichte. Selbstverständlich haben die Geschäfte geöffnet, sollen doch die Pilger nicht nur ihre Herzen sondern auch ihre Geldbeutel öffnen. So entsteht ein un(h)eiliges Gedränge, in dem nur der bronzene Hendrick Busmann auf der Stelle tritt mit seiner Kiepe auf dem Rücken. Auch er war schon Geschäftsmann und hat dem Städtchen zu ungeahnter Blüte verholfen, so verknüpft sich alles über die Jahrhunderte hinweg.

08
Nov
09

Pilze am Niederrhein

Boten des Herbstes

P1000752

Im Spätsommer entdeckte ich sie zuerst im Wald, unten an den Stämmen der Bäume entfalteten sie sich prächtig. Ihre Namen kenne ich nicht, bewundere jedoch die Vielfalt in jedem Herbst aufs Neue.

Im Garten waren plötzlich über Nacht diese kleinen, weißen Kappen im Rasen und in der Wiese unter den Obstbäumen. Sie wuchsen in einem großen Kreis und ich wusste gleich, dass es Wiesenchampinons sind. Einen habe ich gleich probiert, er schmeckte frisch und nussig. Ich ließ sie noch ein wenig wachsen, schnitt sie dann sorgfältig ab und legte sie auf den Terassentisch. Mein Gatte wollte sie auf keinen Fall essen. Ich war entschlossen mir eine kleine Pilzmahlzeit zuzubereiten. Es kam aber etwas dazuwischen und die Pilze blieben eine Weile liegen. Als ich sie in die Küche holen wollte, entdeckte dich auf der Unterseite zwischen den Lammelen ein munteres Gewusel kleiner, dunkelgrauer Maden. Mir verging der Appetit. Die Pilze wuchsen zwar nach, aber ich ließ sie stehen für die Tiere. Etwa zur gleichen Zeit fand ich einen weißen, fast runden, etwas glänzenden Ball unter dem Hollunder in der Wiese. Ich dachte an ein Spielzeug, welches hierhergeweht wurde.

PICT0002Es hatte die Größe eines Balles, den ich mit zwei Händen umfassen konnte. Das Internet half weiter: Es handelte sich um einen Riesenbovisten. Der sollte zwar auch essbar sein, aber diesmal traute ich mich nicht. Hier ist er schon ein wenig angeknabbert von tierischen Kennern.  Später, als er zerfiel, hörte ich von menschlichen Kennern, wie schmackhaft er sein soll und ganz ungefährlich. Man brät ihn wie ein Schnitzel. Jetzt hoffe ich, er wächst im nächsten Jahr wieder dort.

Heute morgen habe ich eine ganze Serie schön anzusehender Pilze an und auf gefällten Bäumen gefunden, die so gut von der Sonne beleuchtet waren, dass ich nur ans fotografieren dachte und nicht ans zubereiten und essen.

31
Okt
09

Skateranlage Duisburg-Hochfeld

Platz für die Jugend

Flächen zum „Abhängen“, wie es heute heißt, gibt es genug in allen Städten des Ruhrgebiets, Flächen zum Austoben leider nicht. Wir haben der Jugend die Räume beschnitten, immer mehr, bis fast nichts mehr übrig blieb, gerade noch so viel, um herumzuhängen, was nicht viel Platz benötigt.

Ich komme aus Duisburg, bin in einer Bergarbeitersiedlung aufgewachsen, wo es genug Platz auf der Straße, im Park und hinter den Häusern gab. Wir gingen am Nachmittag nach draußen und kamen am Abend müde und hungrig wieder ins Haus. Niemand musste uns irgendwo hin fahren oder vielmehr bringen, die Mütter waren noch nicht motorisiert, die Väter schoben 12-Stunden-Schichten, wir spielten einfach so, trafen uns draußen ohne spezielle Verabredung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit meinen Kindern wollte ich dann später nicht mehr in der Stadt wohnen, da war der Lebensraum für Kinder schon stark eingegrenzt, in erster Linie durch Autos. Die Straßen konnten nicht mehr bespielt werden. Auf dem Lande in den kleinen Gemeinden war noch Platz für die Kinder, in den 70er und 80er Jahren. Dann wurden dort die ortsinneren Baulücken geschlossen, das wilde Gestrüpp und die Pfützen zwischen den mit pflegeleichten Kriechgewächsen ausgestatteten Gärten verschwand.

Die Mütter fingen an, ihre Kinder herumzufahren, zu Sportvereinen und Musikschulen, zu Schwimmhallen und Ballettschulen. Zum Spielen mussten die Kinder sich verabreden, einen Termin ausmachen, in den Städten und in den Dörfern auf dem Land, wobei im Ländlichen Bereich immer noch ein bisschen mehr Freiraum blieb. Die Kinder in den Städten haben mir leid getan.

Nun war ich neulich in Hochfeld, einem Stadtteil mit nicht allzu gutem Ruf, ähnlich wie Bruckhausen oder Untermeiderich. Dort bestimmte viele Jahrzehnte die Industrie das Stadtbild. Die Industrie verschwand stellenweise und zurück blieben Industriebrachen, wie überall im Ruhrgebiet.

P1000862

Was in Hochfeld aus der Brache am Rhein entlang gemacht wurde, hätte ich den Stadtvätern und -müttern nie zugetraut. Beim Hineingehen in das Parkgelände sind noch Reste von Industriehallen zu sehen, neben Betrieben, in denen nach wie vor gearbeitet wird. Trotzdem ist die Verwandlung enorm. Es wurden ausgedehnte Grünflächen angelegt, die Bäume abgezirkelt in Reih und Glied gepflanzt, was bedenklich erscheinen mag, aber vielleicht einen Ordnungsfaktor hat. Eine ordentliche Umgebung wird auch ordentlich behandelt. Daneben stehen die phantasievoll von Sprayern im offiziellen Auftrag bemalten, übrig gebliebenen Hallenwände, die Herr Kraska schon so eindrucksvoll beschrieb.

Was mir neben der Malerei und dem Strand am Rheinufer am meisten imponierte war die Skateranlage die schönste, die ich bisher sah. Das Wetter war gut und es tummelten sich etwa 40 Jugendliche auf dem funktionsgerecht angelegten Gelände zwischen den bemalten Wänden, mit Skatboards, Fahrrädern, Rollern.

Viele von ihnen beherrschten ihre rollenden Geräte mit artistischer Sicherheit, auch wenn mir als „Muttertier“ der Atem stockt bei den waghalsigen Sprüngen und Drehungen. Es macht trotzdem Freude zuzuschauen und ganz offensichtlich haben die Kinder und Heranwachsenden Freude an ihrem Tun. Sie gingen sogar rücksichtsvoll miteinander um, hier herrschen ungeschriebene Regeln, die beachtet werden. Auch im Park gelten Regeln, auf deren Einhaltung geachtet wird. So sah ich einen „Wach-Mann“, der einem Jungendlichen klar machte, dass er sein Moped stehen lassen und durch den Park zu Fuß gehen muss. Das wurde geduldig aber unmissverständlich erklärt und es funktionierte.

Warum, frage ich mich, gibt es solche Anlagen nicht in jedem Stadtteil, leicht zu erreichen für die Jugendlichen? Gleich nebenan einen Platz zum Drachensteigenlassen, phantasievolle Spielplätze für die Kleinen. Würde den Kindern nur ein Bruchteil des Platzes eingeräumt, den Autos einnehmen in unseren Städten, ober- und unterirdisch, dann  bedürfte es vielleicht keiner Erzeugungsprämien mehr, keiner Ruhigstellungsmedikamente und keiner Erhöhung der Jungendstrafen.

25
Okt
09

Sonsbecker Schweiz

Die Hügel am flachen Niederrhein

Die Gemeinde Sonsbeck liegt am unteren Niederrhein, 8 km südwestlich von Xanten. Sie ist umgeben von ausgedehnten Wiesen und Ackerflächen. Zum Norden hin erstreckt sich eine Erhebung, die aus den Erdfaltungen der Eiszeit dort erhalten blieb. Der Name für dieses Gebiet, Sonsbecker Schweiz, klingt ein wenig hochtrabend, da die höchste Erhebung 87 m über dem Meeresspiegel beträgt, aber da eine schöne Landschaft damit gemeint ist, ist es berechtigt.

Dieser Landschaftsabschnitt ist ein attraktives Erholungsgebiet, mit abwechslungsreichem Bewuchs und immer wieder weiten Ausblicken über das sonst so flache Land. Jetzt im Herbst ist es besonders schön dort, die Maisfelder sind abgeerntet, das Laub ist nicht mehr so dicht und gegen Abend verzaubert die tief stehende Sonne die Landschaft.

Auf einem der wenigen Höfe werden Esel gehalten und nicht weit davon entfernt trifft man auf Wildscheine, allerdings in einem großen Gehege. Rehe jedoch können jederzeit ganz frei über den Weg gelaufen kommen. Wer aufpasst, wird auch den Habicht oder einen Bussard am Himmel kreisen, den Falken beim Sturzflug  sehen oder beim Suchen danach die Ballons entdecken, die hier häufig auf Himmelstour sind.

Die Wanderwege sind gut ausgezeichnet. Von hier aus lassen sich die Wanderungen in den Tüschenwald oder den Uedemer Hochwald ausdehnen.

23
Okt
09

Monet in Wuppertal

Subjektiver Ausstellungsbericht

In der Stallburg in Wien hatte ich meine erste Begegnung mit Claude Monet, dem Maler. Damals wusste ich nichts über Malerei, fühlte mich lediglich hingezogen zu Bildern in Museen. Hauptberuflich war ich damit beschäftigt, Ehefrau und Mutter eines aufgeweckten kleinen Jungen zu sein. In der Stallburg war ich ganz allein in der Etage der Imperessionisten. Das Kind war unruhig geworden und mit dem Vater an der frischen Luft. Ich stand unvermittelt vor einem Gartenbild Monets und fing ungewollt an zu weinen. Die Aufseherin schaute nicht weg, wie es mir lieber gewesen wäre. Sie schaute mich an, wie ich weinend dort stand und die Schönheit nicht fassen konnte, mich hineingezogen fühlte in diesen Blumenbestandenen Gartenweg in zauberhaftem Licht.  Sie kam dann zu mir und legte den Arm um meine Schulter. Sie liebte dieses Bild und fühlte sich mit mir, einer Unbekannten, durch meine Tränen verbunden.

Gestern nun stand ich auf der Straße, eine gute Stunde lang im zweiten Anlauf, weil der erste Anlauf oder besser gesagt Anstand zwei Stunden gefordert hätte, um Monets Bilder zu besuchen. Ich hatte ihn schon viele Male besucht seit dieser ersten Begegnung, sein Werk und sein Leben waren mir wie nebenbei geläufig geworden. In Paris gipfelte meine Besuchstätigkeit und Bewunderung in der Kathedrale der Seerosenbilder in der Orangerie. Damals konnte man dort allein sein, ohne Gedränge ringsum und damals habe ich mich offenbar satt gesehen an seiner Genialität. Das war der Höhepunkt, nicht zu übertreffen, aber auch nicht wiederholbar.

Von der Ausstellung der im Von-der-Heydt-Museum zusammengetragenen Bilder hatte ich gut zwei Drittel schon gesehen, einige davon mehrmals. Nur ein Drittel kannte ich noch nicht im Original, einige davon als Abbildung. Es hat mich selbst überrascht, dass mir die reduziertesten Bilder seines Euvres, noch nie gesehen bis dahin, am besten gefielen, sie bestehen aus Licht und  gegenständlichen Andeutungen, die nicht benannt werden müssen, weil sie als Farbfläche genau  dort hin gehören ohne preiszugeben, worum es sich handelt.   Alle pastellfarbigen Seerosen und perfekt getupften Landschaften  lösten kein Staunen mehr aus, eher  ein wenig Langeweile, so wie oft gesehene alte Filme, die ich nur aus Gewohnheit und nicht mehr aus Überzeugung gut finde.

Ich verstehe plötzlich, dass Bilder ihre Zeit haben und aus der Zeit herausfallen können mitten in unsere Gegenwart. Die Zeit der Bilder kann nicht konserviert werden, nur die Bilder selbst und dann fehlt etwas. Natürlich fehlt heute das Sensationelle. Die Sensation ist altbacken geworden oder abgehangen, betulich das ehemals Verstörende. Es gab so vieles danach; aber es gab auch einiges davor, was jetzt, nach so langer Zeit, sich mit dem Danach vereinigt und eine Zwangsläufigkeit der Erscheinungen erzeugt.

Sehr deutlich wird das bei der Begleitausstellung der Bilder von Monets Zeitgenossen und Wegbereitern, wobei ein wirklich revolutionärer Vorläufer, nämlich William Turner, fehlte.  Es war die Möglichkeit, Ölfarben in Tuben zu füllen, statt sie umständlich und zeitraubend mit Palettmessern und Mörsern im Atelier anzureiben,  die zur Freilichtmalerei und zur Analyse von der Wechselwirkung zwischen Farbe und Licht, Licht und Form führten, was sich so trefflich in Monets Bildern ablesen lässt.  Für uns Heutige ist das nur noch eine romantische Vorstellung, der Maler draußen, das Haupt mit einem Hut gegen die Sonnenstrahlen geschützt, die Staffelei mit Steinen beschwert, in der Hand die große Palette. Es war eine kurze Epoche.  Manchmal sieht man das noch in den Touristenhochburgen, aber es wird sehr schnell deutlich, es ist eine Attitüde, ein Schaueffekt. Die Bilder sind vorgefertigt und es wird daran herumgepinselt, nicht gemalt. Die einzigen Freilichtmaler, die es tatsächlich noch gibt, sind die Sprayer, aber sie haben nichts mit der gesehen Welt um sie herum zu tun, sie sprühen ihre inneren Bilder oder vorgeprägte Schablonen auf die Wände. Es findet zwar draußen statt, hat aber nichts mit Licht und Formgebung zu tun.

Was würde wohl Monet dazu sagen, wenn er die digital aufgenommenen und sogleich auf Leinwand aufgespannten Sonnenuntergänge sähe. Sie lassen sich sogar „impressionistisch“ verändern, dank technisch ausgereifter Bildbearbeitunsprogramme. So erzeugen heute die „Freiluft-Künstler“ ihre Bilder. Warum also noch gemalte Bilder?

Es gibt auch einen Vorteil, neben vielen Nachteilen,  bei solchen Ausstellungen, die Bilder aus aller Welt wieder an eine Stelle bringen. Wenn drei gleiche Sujets nebeneinander hängen, nur abgewandelt in der Farbigkeit, dann wird sehr deutlich, es ging nicht um diese Landschaft, um diese Architektur, um diesen Heuschober, es ging um die Auseinandersetzung mit Farbe und Licht, um Form durch Licht und Farbe, unabhängig von Umrissen.  Mich wundert es, dass die Bilder der Kathedrale von Rouen überhaupt an unterschiedlichen Orten hängen. Hier in der Ausstellung waren drei davon zu sehen. Eins fehlte und mir fehlte es wirklich, weil die vier, im sich wandelnden Licht des Tages, für mich unbedingt zusammen gehören.  In der Stadt Rouen ist man dazu übergegangen, den Abschnitt der Katherale so zu illuminieren, wie Monet sie gemalt hat. Das erschien mir wie ein Frevel. Traut man den Menschen nicht zu, am Morgen, am Mittag und am Abend zu schauen, wie die Farben sich natürlicherweise verändern. Die Zeit nimmt sich wohl niemand mehr. Und vielleicht wird  auch nur auf den Bildern gesehen, was Monet mit eigenen Augen sah und durch Umwandlung sichtbar machte für die Augen der Betrachter.

Das Verlangen des Besitzenwollens kann in der Museums-Boutique befriedigt werden. Und das hätte selbst Walter Benjamin sich nicht träumen lassen, als er über Die Kunst im Zeitalter der Reproduzierbarkeit schrieb, die großen Gemälde, denen beinahe wie sakraler Kunst gehuldigt wird, auf Bleistiften, Lesezeichen, Halstüchern, Notizbucheinbänden, Kühlschrankmagneten, Puzzlespielen, Mousepads, Schlüsselanhängern usw. Nur auf Wärmflaschen und Klodeckeln habe ich es noch nicht gesehen. Auch das trägt dazu bei, neben der tausendfachen Vervielfältigung in Büchern und auf Postkarten, uns das Staunen abzugewöhnen, die Kunst zum Gewöhnlichen zu degradieren.

19
Okt
09

Manufactum 2009

Die schönen Dinge

Bis zum 15. November ist die Manufaktum 2009 im Museum in Kevelaer noch zu sehen. Alle zwei Jahre wird diese Schau der Kunsthandwerker in verschiedenen Städten durchgeführt. Es werden Staatspreise für 8 Werkbereiche vergeben, Schmuck, Gerät aus Metall, Holz, Textil, Keramik, Stein, Glas, Farbe, Leder/Papier/Fotografie.

Bei diesen Ausstellungen sind immer hochwertige, phantasievolle, ausgefeilte, gekonnte und sehr schöne Objekte zu sehen. So auch dieses Mal in Kevelaer, wo die Arbeiten sehr gut auf zwei Etagen präsentiert werden. Nach dem ersten Durchgang ist ein zweiter zu empfehlen, weil es gar nicht möglich ist, alles zugleich zu erfassen. Neben der betörend schönen Optik strahlen alle Objekte auch die Könnerschaft ihrer Schöpfer aus. Leider ist heute viel zu viel Hingehauenes, Liebloses, Ungekonntes und Nachlässiges zu sehen bei den unzähligen Ausstellungen allerorts. Hier nun verstehen Menschen ihr Handwerk, sie wissen umzugehen mit ihrem Material, kennen die Tücken und die Vorzüge ganz genau. Das verschafft ihnen Freiheit, einfallsreich damit umzugehen. Oft sind die Arbeiten von graziöser Schlichtheit, der Hocker aus Esche soll als Beispiel genannt werden, die leicht ausgestellten Beine des Hockers sind so kunstvoll in der Sitzfläche verzahnt, dass es wie ein schmückendes Element wirkt. Die Hocker gestapelt muten wie ein Kunstwerk an.

Ein Waschtisch aus Beton, in eine Holzplatte eingelassen, wirkt wie ein stark vergrößerte Handschmeichler. Ein dreiflügeliger Tisch lässt sich so ineinander klappen, dass er raumsparend und hübsch anzusehen beiseite gestellt werden kann. Es gibt aber auch Dinge aus Glas, Keramik, Papier, Stein und Filz, die einfach nur Freude machen beim Anschauen, ohne nützlich zu sein. Ein Filzüberzug für Kreuze, in den Farben des Kirchenjahres, eine Brosche aus Platinen, eine Stola aus durchsichtigen, biegsamen Plastikhalmen, eine Fotowand ohne Fotos, nur mit den Klebeecken und Unterschriften versehen, ein Steinkopf aus schwarzem Granit auf das minimalste reduziert und perfekt, haben es mir besonders angetan.

Die ganze Ausstellung bereitet Freude, sie ist ein ästhetischer Genuss. Ich hoffe, dieser Staatspreis bleibt noch lange erhalten. Die Träger haben ihn jeweils verdient, wobei es mir nicht möglich wäre, die Entscheidungen zu treffen, weil alle Arbeiten gut und ideenreich sind.

19
Sep
09

Rheinfall Schaffhausen

Der frische, junge Rhein

Geboren und aufgewachsen bin ich zwischen Rhein und Ruhr. Seit Jahrzehnten wohne ich auf der linken Seite des Rheins, so nahe, dass bei einem Jahrhunderthochwasser der Rhein auch vor meiner Haustür fließen könnte. Unser Haus wurde vor 100 Jahren höher gelegt, so dass es bei Hochwasser auf einer kleinen Insel stünde. Normalerweise brauche ich 10 Minuten mit dem Rad bis zum Deich.

Nun habe ich den Fluss schon in anderen Umgebungen gesehen, mich z.B. in Basel gewundert, dass die Menschen im Rhein baden, ganz offiziell in einem Rhein-Schwimmbad. So sauber und verlockend ist er nach dem langen Weg hier nicht mehr, obwohl er in den letzten Jahren tatsächlich sauberer geworden ist, wie uns die Fische verraten, die ihn beschwimmen.

Auf dem Weg in die Schweiz lag der Rhein in Schaffhausen so nahe am Wegrand, dass es für eine Rheinanrainerin ein Muss ist, zu schauen wie er fällt.

Das touristische Gedränge bis man überhaupt hingelangte, erschien mir wie die Laufkäfige beim Zirkus, die Besucher werden zwischen Zäunen hindurch ohne Ausweichmöglichkeit an die Aussichtspunkte geleitet.

Dort aber vergaß ich das Drumherum. Es bot sich ein wassersprühend tosendes Schauspiel in glitzernden, schäumenden, fließenden Variationen. So wild kann „mein“ Fluss sein! Wer ihn nur träge und breit, mit ein paar Stromschnellen hier und da und einigen flachen Strudeln, zuverlässig schwere Schiffe transportierend und nur bei Hochwasser gelegentlich ausufernd kennt, traut ihm solche sprudelige Springlebendigkeit nicht zu.

Seltsamerweise wurde mir erst hier, angesichts der stürzenden Wassermassen, angesichts der reinen Klarheit an den ruhigen Stellen,
bewusst, wie sehr der Fluss zu meinem Leben gehört. Hier stand ich nun und fühlte mich mit ihm verbunden.

Wieviel Aufgaben haben die Menschen ihm zugedacht, von der Quelle bis zur Mündung! Was für ein entsetzlicher Gedanke, die Quelle würde versiegen. Ich glaube, wir müssen ein bisschen besser auf unsere Flüsse aufpassen, ihnen nicht zu viel Einengung und Chemikalien zumuten. Die Flüsse sind Lebensadern.
Das war mein Wort zum Rheinfall. Wer in der Nähe ist, sollte ein Weilchen dort verweilen.


18
Sep
09

Schloss Sigmaringen

Vom Eichamt zum Schloss

Immer noch auf dem Weg in die Schweiz, aber nun schon am späten Nachmittag, wollten wir so übernachten, dass wir außer gutem Schlaf auch noch ein paar interessante Eindrücke mitnehmen konnten.

Sigmaringen erwies sich als der ideale Ort dafür. Ein hübsches Zimmer bekamen wir im „Eichamt“, einem kleinen Hotel am Eingang zur Altstadt, mit Blick auf das Schoss.

Zunächst muss ich mir klar machen, dass wir uns auf einer Hochebene befinden. Die Donau fließt hier durch das enge Felsental auf 570 m über dem Meer. Das Schloss liegt etwa 40 Meter höher und wirkt dadurch noch beeindruckender, als sowieso schon durch seine Größe, speziell, wenn man von der Donau aus nach oben schaut.

Schon im 11. Jahrhundert gab es hier eine Burganlage. Es folgt eine lange Geschichte von Besitz und Verlust, von Bränden und Verwüstungen, von Umbauten und Renovierungen, bis es schließlich zum fürstlichen Residenzschloss und Verwaltungssitz der Fürsten zu Hohenzollern-Sigmaringen wurde. Heute befindet sich die Verwaltung des Unternehmens Fürst von Hohenzollern sowie ein Museum im Schloss.

Leider war es schon zu spät, das Schloss-Museum zu besuchen. So musste ich mich mit einem ausgiebigen Spaziergang um die Burg herum und durch die verschachtelten Innenhöfe zufrieden geben.

Ich kann mir gut vorstellen, wie reizvoll es sein müsste, hier einen Film zu drehen. Es gibt wohl einen mit dem Titel „Die Finsternis“, der die Eroberung Sigmaringens und das Kriegsende schildert. Den habe ich nicht gesehen, auch das Buch, welches dem Film zugrunde liegt „Von Schloss zu Schloss“ von Céline nicht gelesen. Aber die Schlossmauern erzählen auch so genug Geschichten.


15
Sep
09

Gengenbach

Die Türme von Gengenbach

Auf dem Weg in die Schweiz, einmal längs durch Deutschland, wollten wir uns Zeit lassen und die Perlen am Wegesrand nicht außer Acht.

DSC00090Zur Mittagszeit erreichten wir Gengenbach im Kinzigtal, welches mir bis dahin nur vom Hörensagen bekannt war. Ich wusste wohl, es muss ein schöner Ort sein und war dann doch überrascht, wie viel er zu bieten hat. Zunächst stärkten wir uns im Restaurant “Zum Turm” und bummelten dann neugierig durchs Städtchen.

Das haben vor uns schon die Kelten, die Germanen, die Römer und schließlich die Franzosen getan, nicht alle mit gleich friedlichen Absichten. Die Bewohner des Städtchens waren immerzu mit Wiederaufbau beschäftigt, speziell nachdem der Sonnenkönig, weil er mal wieder Zahnweh hatte, alles niederbrennen ließ. Daher bekamen wir nur das zu sehen, was um 1690 wieder aufgebaut wurde. Das ist prächtig genug.

Große Teile der Stadtmauer und Wehrumgänge sind gut erhalten. Die Wohnhäuser wurden praktischer Weise mit der Rückseite an die Stadtmauer gebaut. Am Haigeracher Tor mit dem Obertorturm ist das deutlich zu sehen. Nicht in die Mauer einbezogen ist der Niggelturm, mit dem Unterbau aus dem 14. und dem achteckigen Aufsatz aus dem 16. Jh., ehemals Wach- und Gefängnisturm, heute ein Narrenmuseum.

Ein barocker Turm in der Mitte der Stadt zieht uns an, er gehört zur Stadtkirche St. Marien und überragt alle anderen Türme. Gleich daneben finden wir das ehemalige Benediktinerkloster aus der ersten Hälfte des 12. Jh. mit einem duftenden Kräutergarten. Um den Marktplatz herum und in den verwinkelten Gassen sind die Fachwerkhäuser blumengeschmückt.

Trotzdem wirkt es hier so, als hätte sich die Historie und die Tradition aufs Schönste mit modernem Leben verbunden.