Archiv der Kategorie 'Spanien'

09
Nov
08

Flughafen in Madrid

Flughafen Madrid

Die Rückgabe des Mietwagens bei Eurocars ging reibungslos vonstatten. Der Clio hatte uns brav überall hin gebracht und war gerade recht für die Enge und die Hektik in den Städten.

Bei nächsten Schritt, der Heimat näher zu kommen, stellten wir fest: Vorbei die Zeiten, in denen freundliche Servicekräfte mit schicken Uniformen an einem Schalter die Fluggäste in Empfang nahmen und die Flugkarten aushändigten. Hier in Madrid muss der Fluggast nun einen Automaten bedienen, der nur die Sprachen Spanisch und Englisch beherrscht. Wehe dem Fluggast, er hinkt in der Beherrschung hinterher, sowohl der Sprachen als auch des Gerätes. Wenn man es geschafft hat, dem Automaten den Klebestreifen für den Koffer zu entlocken, bleibt noch die Frage, wo nun der Abschnitt abzureißen ist und vor allem wo auf den Flugschein aufzukleben. Und wieso spuckte der Automat zwei mal einen Karu-Flugschein aus, aber keinen für meinen Liebsten. Ich wollte nicht allein nach Hause fliegen, ich brauche seine schützende Hand beim Start, bei der Landung und sowieso.

Beim Kofferabgeben schien dann aber alles in Ordnung zu sein, kein Übergewicht, trotz der gesammelten Steine. Wir durften auch beide durch die Kontrolle. Da viel zu früh in diesen Gefilden und weil gerade Mittagszeit war, ließen wir uns im Restaurants mit dem sinnigen Namen „Plaza Mayor“ nieder und bezahlten, anders als in hiesigen Flughäfen, nicht mehr für das Menü, als in jedem Restaurant außerhalb. Mir fiel bei dem normalen Preis für einen Café solo wieder ein, dass wir in Düsseldorf aus Unachtsamkeit erst nach dem Austrinken der Pfütze den Preis von 3,20 Euro dafür bemerkt haben. Nie wieder! Hier in Madrid aber jederzeit noch einmal. Flugkapitäne und -begleiter aßen hier offenbar auch gern. Mit einem halben Fläschchen spanischen Weins zum Abschied konnte ich dem Transport in der Blechbüchse etwas gelassener entgegen sehen. Man sollte die Erfindung des beamens von einem Ort zum anderen endlich vorantreiben.

An dieser Stelle und mit dem Foto der beiden Spanier, die das beste und aufwändigste „Standbild“ darstellten, danke ich allen, die meine Berichte verfolgt und mit Rückmeldungen und Kommentaren Interesse bekundet haben. Das hat mich sehr gefreut. Muchas gracias por vuestra paciencia.

Ich plane die nächste Reise in dieses auf- und anregende Land.

07
Nov
08

Plaza del Convento in Dénia


Abend auf dem Platz

Von Valencia aus fuhren wir in südlicher Richtung die Küste entlang bis Denia. Das Hotel Raset liegt direkt am Jachthafen, unmittelbar vor dem Hügel mit dem Castel und gefiel mir sehr gut mit seiner modernen Einrichtung, dem Restaurant direkt nebenan und dem überaus freundlichen Personal. Der erstklassige Kaffeeautomat steht nicht nur beim Frühstück mit den besten Brötchen, die wir während der Reise serviert bekamen, den Gästen zur Verfügung. Der einzige Nachteil, es liegt direkt an der Straße, die abends stark befahren wird. Dafür ist die Klimaanlage flüsterleise.

Nachdem es einen ganzen Tag lang heftig gestürmt und geregnet hatte, was das sonst so sanfte Mittelmeer in einen tosenden Ozean mit meterhohen Wellen verwandelte, hingen am nächsten Morgen die bedrohlichen, tiefen Wolken noch immer über den Bergen fest, was ein besonderes Licht auf das Wasser zauberte. Die weißen Segelboote wirkten gegen die graublaue Wolkenschicht beinahe surreal.

Die Wellen waren noch hoch genug, die jungen Männer mit Surfbrettern und Lenkdrachen aufs Wasser zu locken. Sie vollführten wahrhaft akrobatische Kunststücke auf dem Wasser und erreichten eine schwindelerregende Geschwindigkeit auf den Wellenkämmen. Es machte Spaß, dem Weg am Meer entlang zu folgen bis zu den hohen Felsen, wo ein Restaurant zum Verweilen einlud.

In der Altstadt Denias, die an den Abenden die Hauptstraße für den Autoverkehr sperrt, fanden wir pro Kilometer mehr Banken und Bars, als in allen anderen bis dahin besuchten Orten. Neben jeder Bar eine Bank. Von der Bankenkrise war in den Tageszeitungen nicht viel zu lesen.

Zwei Tage nach dem Umwetter war es wieder warm genug, den Abend draußen zu verbringen auf der Plaza del Convento vor der Kirche Sant Antonio. Mit einer Flasche spanischen Weins beobachteten wir das lebhafte Treiben.

Hier muss ich noch einmal auf die spanischen Kinder zu sprechen kommen, über die ich immer nur staunen konnte. Hier nun saßen zu unserer rechten zwei junge Familien mit ihren insgesamt 4 Kindern, das Älteste höchstens 6, das jüngste noch keine 2. Die Erwachsenen redeten miteinander, die Kinder spielten mit den Marmorsteinchen, die als Einfassung die Straßenbäume einsäumten. Da die Steinchen quadratisch geschnitten waren, ließen sie sich wunderbar auf- und nebeneinander stapeln, was die Kinder gute zwei Stunden beschäftigt hielt. Sie trugen sie auch zum Tisch der Erwachsenen, türmten sie dort auf und – als die Familien schließlich aufbrachen, räumten die Kinder ohne Aufforderung die Steine alle wieder weg.
Es gab kein Getue um die Kinder, sie mussten nicht beschäftigt werden, sie zankten und brüllten nicht, zerrten nicht an den Erwachsenen herum und schienen vergnügt und zufrieden mit ihrem Dasein. Am Tisch zu linken saß ein Knabe im Alter von 8 oder 9 Jahren. Er war mit 3 Erwachsenen gekommen, die ebenfalls lebhaft im Gespräch vertieft sich nicht ein einziges Mal an den Jungen wandten. Dieser stütze sich auf die Rückenlehne seines Stuhles und sah den kleineren Kindern beim Spielen zu.

Dieser Junge stellte ebenfalls keine Anforderungen an die Erwachsenen, hampelte nicht herum, trank ab und zu aus seinem Glas, brauchte keinen Game-Boy, ertrug die Langeweile mit Gleichmut und schien, wie die Kleinen in seiner eigenen Welt zufrieden, zu der aber auch die Erwachsenen keinen Zugang begehrten. Was, frage ich mich, machen spanische Eltern anders? Oder standen die Sterne zu der Zeit nur günstig?

Diese beiden Beobachtungen stehen für viele ähnliche in ganz unterschiedlichen Orten und Situationen. Erst im Flughafengebäude haben wir wieder Kinder quengeln und schreien gehört. Das waren wahrscheinlich keine Spanier.

05
Nov
08

Corrida in Valencia


Die Corrida

Der dritte Teil meines Berichtes über Valencia ist der schwierigste. Vielleicht habe ich so ausführlich über diese Reise nur berichtet, um diesen einen Bericht hinauszuzögern. Ich will aber trotzdem darüber schreiben, weil ich mir schreibend vielleicht klarer werde, was ich erlebt habe.

Länger als ein halbes Jahr vor der Reise wusste ich schon, ich würde einen Stierkampf besuchen. Viele Maler und Schriftsteller haben sich mit diesem Thema befasst, u.a. A.L. Kennedy, die ich sehr schätze, mit einem nachdenklichen Buch, das 2001 bei Wagenbach erschien. Danach wollte ich das Spektakel unbedingt mit eigenen Augen sehen, war eher neugierig als voreingenommen, wenn auch nicht ohne Bedenken.

In Madrid waren keine Karten mehr zu bekommen. Ich wollte sowieso eher das durchschnittliche Schauspiel sehen, mit einem alltäglichen Publikum. Daher die Entscheidung für Valencia und für eine Corrida der Novilleros. Schließlich bin ich auch eine Anfängerin und wüsste es sicher nicht zu schätzen, wenn ein prominenter Matador seine Kunst vorführt. Wir hatten noch allerlei Hindernisse zu überwinden, bevor wir an der Kasse der Arena endlich unsere buntbedruckten Karten bekamen. Angekündigt waren die Novilleros:

Juan Francisco Prados, Pascual Javier, Pedro Marín

Wir hatten Schattenplätze gewählt und ignorierten die angebotenen Sitzkissen. In den unteren Reihen mit Holzbänken sind sie auch nicht notwendig, ab Reihe 5 sind die Bänke aus Stein und sehr eng beieinander. Ich bekam Bedenken, was ich mit meinen langen Beinen anfangen sollte, wenn die Reihen voll würden. Wir waren eine halbe Stunde vor Beginn auf unseren Sitzen, weil ich genau sehen wollte, welche Menschen hier Platz nehmen würden. Es stellte sich heraus, dass es überwiegend Männer ab 60 waren, die gelegentlich einen Enkel dabei hatten. Einige Damen erschienen perfekt hergerichtet, wie bei uns in der Oper. Ich glaube zwar nicht, dass wir die einzigen Touristen waren, aber ich konnte keine anderen ausmachen, wenn, waren es spanische Touristen. Es wirkte jedoch eher so, als sei man hier unter sich und aus dem näheren Umfeld. Das Rund der Arena füllte sich nur zu einem Drittel. Ich hatte die Kamera dabei und meinen Zeichenblock. Da ich vorher unterrichtet worden war und mich darüber hinaus noch ein wenig kundig gemacht hatte, wusste ich ungefähr, was mich erwartet. Mein Gatte war nur mir zuliebe mitgekommen. Vom Publikumseindruck war ich ein wenig enttäuscht, ich hatte es feierlicher erwartet, was vielleicht nur in Madrid der Fall ist oder nur bei besonderen Corridas. Hier herrschten die karierten Hemden vor.

Die Arena selbst ist durch die Farbgebung schon sehr beeindruckend, der ockerfarbene, glatt gefegte Sand hebt sich vom dunklen Rot der Barrera, der Holzwand, die den Ring umgibt, kontrastreich ab. Wenn die Mannschaft einmarschiert, gekleidet in die traditionellen, glitzernden Gewänder, angeführt von zwei Schimmeln mit Reitern in historischen Kostümen, gefolgt von den drei Toreros der Corrida, den Banderilleros und den berittenen Picadores sowie den übrigen Helfern, ist das wegen des feierlichen Ernstes sehr beeindruckend. Es marschieren also alle Beteiligten quer durch die Arena, verbeugen sich vor der obersten Loge des Präsidenten, der die Erlaubnis für den Kampf erteilt, dann teilen sich sich und gehen rechts und links wieder zurück zum Tor, zuletzt die Pferdeführer mit den schweren Gäulen und die Männer, die Blut und Kot zu beseitigen haben.

Danach werden die bereit liegenden magentafarbenen Capes „getestet“ oder warmgeschwungen. Nach einem Moment der Ruhe, in dem auch die Gespräche auf den Rängen verstummen, erscheint der erste Stier im Rang. Er stürmt durch den Gang und bleibt wie irritiert stehen. Es ist deutlich zu sehen, dass er heftig atmet, erregt ist. Ich habe wieder das Bild der weitläufigen Weiden in menschenleerer Landschaft vor Augen, dort kommt er her, dieses hier kennt er nicht. Erst recht nicht die leuchtenden Tücher, die von drei Toreros vor ihm geschwenkt werden, ihn hier und dort hin locken, in Bewegung halten, reizen und müde machen. Für den Stier ist das Tuch der Angriffspunkt, er greift diese Bewegung an, stürmt immer wieder los und immer ins Leere. Er atmet jetzt heftiger, seine Flanken beben und ziehen sich stark ein. Es ist ein junger Stier, nicht schwerer als 400 kg, der auf die jungen Kämpfer trifft, Trotzdem beeindruckt mich dieses Tier mit seiner Kraft, mit seinem muskulösen Körperbau, in seiner Schönheit. Ich habe einmal einen Bullen modelliert und den Körperbau genau studiert dabei. Dieser hier ist so viel prächtiger als alle Stiere, die ich je auf Deutschlands Weiden sah.

Nur erscheinen zum zweiten Teil die Picadores auf ihren dick gepolsterten Pferden. Es sind zwei, die sich abwechseln, bei jedem Kampf. Einer stellt sich gegenüber dem Toril auf und wartet darauf, dass ihm der Stier vom Torero zugeführt wird. Der Stier soll das Pferd angreifen, dazu senkt er den Kopf und würde das Pferd mit den Hörnern am Bauch oder den Flanken verletzen, wenn es nicht die Schutzpolsterung hätte. Der Picador sticht bei diesem Angriff mit der Lanze, der pica oder puya, in den Nacken. Das geschieht zwei mal und soll bewirken, dass der Stier den Kopf gesenkter hält, weil der Matador sonst nicht über die Hörner greifen könnte beim Todesstoß.

Die Aficionados behaupten, die Stiere würden 20 Minuten lang keinen Schmerz fühlen wegen des Adrenalins in ihrem Blut. Länger darf ein Kampf auch nicht dauern, aus diesem Grunde. Weiter heißt es, der Blutverlust des Stieres durch die Stiche mit der Lanze bewirkten einen Blutdruckabfall ohne den der Stier am hohen Blutdruck zugrunde ginge. Das lasse ich so stehen, wie ich es gehört und gelesen habe. Ich weiß ja nicht, wer diese Untersuchung in Auftrag gab.

Gesehen habe ich, dass der Stier nach den Lanzenstichen ein anderer war als zuvor, sehr viel von seiner Energie verströmte mit dem Blut. Der zweite Stier war nachher kaum noch zu etwas zu bewegen, obwohl er so temperamentvoll gleich beim Einlaufen seine Hörner in das Holz der Barrera gesetzt hatte.

Der so verletzte Stier wird nun von einem der drei Banderilleros gelockt, der dem Stier gegenübersteht und in einem Bogen losläuft, wenn der Stier angreift. Auf gleicher Höhe springt der Banderillero hoch und platziert zwei ca. 50 cm lange Pfeile mit Metallspitzen und Widerhaken in der Schulter des Stiers, der Schaft hängt herunter, mit buntem Papier umwickelt. Sechs solcher Banderillas werden gesetzt, von jedem Banderillero zwei. Der Matador steht dabei im Hintergrund. Die Aktionen werden vom Publikum beklatscht. Bewirken soll dieses eine Schwächung der Muskulatur und Markierung des Punktes, den der Matador später mit dem Degen treffen muss.

Auf diese Weise dekoriert und wie mir schien verwirrt, steht das massige Tier blutend, heftig atmend, mit gesenkten Hörnern in der Arena. Ich habe Mitleid mit dem Tier, mein Gatte möchte jetzt gehen, ich bitte ihn, noch zu bleiben.

Als der Matador in seiner engen Hose, den „Balett-Schühchen“ und der Traje de luces, dieser schweren, steifen, glitzernden Jacke mit den überbetonten Schultern, in die Mitte der Arena schreitet, die Montera grüßend zum Publikum hin hebt, was wohl bedeutet, dass er den Tod dieses Stieres dem Publikum widmet, kommt er mir wie ein Geck vor gegen das Tier. Der Schöne und das Biest. Der Hut ist mit der Öffnung nach oben liegen geblieben als er ihn nach dem Gruß über die Schulter warf, was einem Aberglauben zufolge keine gutes Zeichen für den Matador ist, da er das Blut desselben sammelt, wie es heißt.

Tatsächlich wird der Matador nach zwei oder drei Passagen mit der Muleta, einem fast runden Tuch, welches über einem Holzstock hängt, vom Stier zu Boden geworfen. Ein Raunen geht durchs Publikum, der Stier versucht, den auf dem Boden liegenden Mann mit den Hörnern zu erwischen, er wird schnell und erfolgreich von den hinzueilenden Helfern mit den Magenta-Tüchern abgelenkt. Der Matador steht unverletzt, wie es scheint, auf und nimmt wieder Haltung ein. Ich kenne mich nicht genug aus um einzelne Passagen beim Namen zu nennen, weiß nur, dass der Matador den Stier immer weiter an seinen Körper heranführt, das Tier soll ihm folgen und gehorchen, damit es in die richtige Position für den Todesstoß gebracht werden kann. Hierbei zeigt sich die Könnerschaft des Matadors – oder auch nicht. Hier eher nicht, weil der Stier z.B. mit dem Kopf in den Sand geführt wurde.

Ich vergaß immer wieder das Fotografieren, an Zeichnen war gar nicht zu denken, das Geschehen in der Arena, die eleganten Bewegungen des Matadors, die Angriffe des Stieres nahmen meine Aufmerksamkeit völlig gefangen, außerdem zitterte ich die ganze Zeit vor innerer Anspannung. Erst beim zweiten Kampf konnte ich auch genug Fotos machen um zu Hause noch einmal alles Revue passieren zu lassen.

Als der Matador den Stier zu sich ruft, sich ihm gegenüberstellt mit ausgestrecktem Degenarm, ist immer noch der Stier das überlegene Wesen. Nur durch die ihm schon zugefügten Verletzungen kann der Matador nun diesen Stoß ausführen und dieser setztihn nicht sauber, muss wiederholen, aber der Stier bricht noch nicht zusammen, steht nun an der Barrera, wird von den Helfern rechts und links mit den Magenta-Tüchern dazu veranlasst, den schweren Kopf hin und her zu wenden, was dazu führen soll, dass der Degen im Innern endgültig den Tod bringen soll. Es dauert endlos lange, nach meinem Gefühl, bis das Tier in den Vorderbeinen einknickt und zu Boden sinkt. Erst dann schreitet der Matador, der Stiertöter, aus der Arena.

Beim zweiten Kampf musste zum Schluss ein kurzer Dolch eingesetzt werden, um den Stier endgültig vom Leben in den Tod zu befördern. Also hatte auch der zweite Matador den Punkt nicht getroffen.

Ich hatte vorher von den Fachleuten zu lesen bekommen: „Denke daran, niemand will die Stiere quälen.“

Mir kam das Ende dieser prächtigen, lebensvollen Tiere wie eine endlose Quälerei vor und ich fand den Anblick der toten, dunklen, blutüberströmten Masse, die soeben noch lebensvoll und angriffslustig gewesen ist, derart deprimierend, dass ich nicht nachvollziehen kann, wie das Ganze als Feier des Lebens bezeichnet werden kann. Es war eine Feier des Todes, ein Totentanz, wenn man so will.

Mein Mann wollte nach dem zweiten Kampf nicht mehr bleiben, auf gar keinen Fall. Ich wollte, so zittrig wie ich war, auch nicht alleine dort hocken, zwischen all den alten Männern. So haben wir den dritten Matador, Pedro Marin, nicht mehr erlebt, der sehr schwer verletzt wurde, wie wir am nächsten Tag auf der ersten Seite der Zeitung sehen konnten. Er musste auf der Intensiv-Station behandelt werden. Es geht wirklich um Leben und Tod, für Mensch und Tier. Ich hoffe, der junge Mann wird wieder gesund.

Durch den Zeitungsartikel kam ich ins Gespräch mit der Frau an der Rezeption, die sich offenbar gut auskannte in den Gepflogenheiten ihrer Heimat. Da sie auch deutsch sprach, erfuhr ich einiges über den Umgang mit Stieren, auch, dass die Corrida das Zivilisierteste ist, da sie bestimmten Regeln zu folgen hat. Aber keine Regel, die nicht auch umgangen wird. Man kann das nachlesen. Es ist viel Geld im Spiel bei diesem Spiel. 1.200 Zuchtbetriebe mit 70.000 Beschäftigten sorgen für Nachschub in den Arenen, die 6 Stiere, die dort pro Corrida „verbraucht“ werden, bringen 150.000 Euro.

Was ich nicht erfahren konnte war, was ein Stier kostet oder ob das die „Ausschussware“ ist, der in den Dörfern sowie im Umfeld der modernen Stadt Valencia durch die Straßen getrieben und auf unvorstellbare Weisen gequält und getötet wird, z.B. durch brennende Röhren auf seinen Hörnern, die ihm nach und nach die Augen ausbrennen, bevor jedermann zustechen darf. Das soll als Beispiel genügen, es gibt andere, genau so schlimme. Das scheint bekannt zu sein, wird aber kaum von den Freunden der Stiere thematisiert.

Ich will nicht über die Sitten und Traditionen eines anderen Landes urteilen, in unserem geschehen den Tieren auch schlimme Dinge. Es ist auch keineswegs so, als hätte ich die Vorgänge verstanden, was sicher nach einem Besuch auch gar nicht möglich ist.

Es bleiben viele Fragen, viel zu viele. Für mich symbolisiert die Corrida die „andere Seite“ Spaniens. Mir ist es nach Abschluss meiner drei bisherigen Reisen so vorgekommen, als sähe ich das Land, wohin ich auch blicke, wie einen funkelnden Spiegel, sehe immer auch mich selbst dabei, niemals aber hindurch, hinter den Spiegel.

05
Nov
08

Hängende Häuser in Cuenca

Hängendes in Cuenca

Die letzte Station unserer Reise sollte auf dem Rückweg zum Flughafen Madrid liegen. Wir steuerten also Cuenca an ohne jede Vorstellung, was uns erwarten würde.

Nach den trockenen Feldern der Hochebene wurde die Landschaft hier plötzlich felsig. Um zu dem Hotel Cueva del Fraile, etwas außerhalb Cuenca zu gelangen, mussten wir durch eine Schlucht fahren, die erstmals den Eindruck von Herbst vermittelte, weil es hier grüne Blätter an hohen Bäumen gab, Sträucher und Gärten, die sich nun herbstlich färbten. Cuenca liegt auf einem Felsplateau zwischen den beiden Flüssen Júcar und Huécar. Die Altstadt gehört zum Weltkulturerbe und ist sehr beeindruckend, weil die alten Häuser vom Tal aus wirken, als seinen sie aus dem Fels gewachsen, wobei Balkone und Glasveranden über den Felsen hinausragen, weshalb von hängenden Häusern gesprochen wird. Etwas außerhalb der Stadt formieren sich die Felsblöcke so bizarr, dass sofort große Wanderlust aufkommt.

Im Innern der Altstadt fällt besonders die Plaza Mayor auf, an der auch die erste gotische Cathedrale Spaniens liegt, deren Baubeginn um 800 datiert wird und die sich unbedingt zu besichtigen lohnt. Etwas oberhalb der mittelalterlichen Häuser ergeben sich immer wieder neue, überraschende Ausblicke ins Tal und auf die Flüsschen, auf den Parador, ein ehemaliges Klostern, und die gegenüberliegenden Berge.

Vor einem Lokal an der höchsten Stelle am Rande der Stadt verabschiedet sich eine Gruppe junger Leute voneinander, es konnten Studenten sein. Die Verabschiedung dauert fast eine Stunde, es wird immer wieder auf die Wangen geküsst und mir fällt nicht zum ersten mal auf, dass die Spanier laut küssen und sich dabei anfassen. Es ist nicht der elegante Hauch an den Wangen vorbei mit leicht auf die Oberarme gelegten Händen, wie bei den Franzosen, es werden ordentlich die Lippen geschürzt und mit einem deutlichen Kuss- bis Schmatzlaut die Wangen tatsächlich berührt, manchmal auch nur angedeutet, was vielleicht mit dem Grad der Intimität zu tun hat. Aber auch die Andeutung an der Wange entlang erfolgt gut hörbar. Es wirkt überaus herzlich, wie die jungen Männer und Frauen sich voreinander trennen, es sieht aus wie für Jahre, kann aber genau so gut nur bis zum nächsten Tag sein.

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Aus dieser kleinen Universitätsstadt kamen wir am Morgen kaum wieder heraus. Es war, wie in allen kleinen Städten Spaniens, ein Wahnsinnsverkehr. Auf den Ampelkreuzungen standen je zwei Polizisten mit Trillerpfeifen um das Chaos mit beachtenswert tänzerisch dramatischer Choreographie irgendwie in Bewegung zu halten. Und wie immer – draußen vor der Stadt hatten wir freie Fahrt. Diesmal Richtung Flughafen.

02
Nov
08

Altstadt in Valencia


Valencia Altstadt

An einem Werktag nach Valencia hineinzufahren, nach 10 Uhr, erscheint mir lebensgefährlich. Die Spanier fahren absolut rücksichtslos, die Markierungen im sechsspurigen Kreisverkehr sind nur dazu da, ignoriert zu werden, der schnellste und frechste Fahrer siegt. Zum Glück ließ sich mein Gatte am Lenkrad nicht aus der Fassung bringen, um die ich immerzu ringen musste, weil ich ja keine Außenspiegel hatte als Beifahrerin und jeweils heftig zusammenzuckte, wenn von rechts ein Auto knapp vor der Stoßstange nach links hinüber schoss. Ich bin nicht ängstlich, mit den Wassern der Fahrweise von Süditalienern und Franzosen in Paris gewaschen, aber dieses hier war Horror, meine Nerven flatterten wie die Nationalflaggen vor den prächtigen Gebäuden. Der Verkehr ist derart dicht und schnell in der Stadt, dass es gelegentlich besser ist, zwei oder drei Runden im Kreisel zu drehen, als eine übereilte Entscheidung zu treffen. Zum Glück gibt es genug davon. Das beste ist, sogleich in das nächstgelegene Parkhaus zu fahren, was nicht ganz billig ist, aber Nerven schont. Die Parkhäuser, auch das sei noch zur Warnung angemerkt, sind eher für kleine Kleinwagen gebaut. Ich habe mit offenem Mund einem Spanier zugeschaut, wie er rückwärts seinen Super-Van mit eingeklappten Spiegeln in eine der Lücken neben den Säulen setzte. Es passte rechts und links eine Zeitung dazwischen. Nach dem Aussehen einiger Fahrzeuge zu schließen, macht es aber offenbar auch nichts, wenn es mal nicht passt.

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Empfehlen würde ich eher den Zug. Dann kommt man auch in dem Jugendstil-Nordbahnhof an und kann sich sogleich an der Architektur und der aufgeräumten Sauberkeit freuen, das kennen wir ja nicht so in unserem Land. Gleich neben dem Bahnhof befindet sich die Plaza del Toro und man ist sofort mitten im Getümmel, lässt sich am besten treiben, über die breiten Boulevards, die schmalen Gassen bis zur Markthalle, ebenfalls im Jugendstil, die alles anbietet, was für gute Mahlzeiten gebraucht wird. Rings um die Markthalle bieten viele kleine Bars und Restaurants auch Mahlzeiten an, zu empfehlen ist es dort aber nicht unbedingt.

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Ganz von selbst gelangten wir zur Cathedrale, die auf den Grundmauern einer Moschee im 13. Jahrhundert erbaut wurde, mit dem gotischen Turm, der als Wahrzeichen der Stadt gilt. Auch zur Seidenbörse in rein gotische Architektur, die zum Weltkulturerbe zählt, gelangt man mit dem Strom der Menschen. Was mir noch fehlte, war die Altstadt der Bewohner, die es neben den Palästen ja auch immer gibt. Ganz unvermittelt fanden wir uns dann auch dort wieder, zunächst auf einem kleinen Platz, auf dem jemand unter offenem Himmel Fahrradreparaturen anbot und vornahm, während ringsum in urigen Bars die Menschen es sich gut gehen ließen, dann in engen Gassen mit gelegentlich interessanten Schaufenstern und Einblicken in Hinterhöfe. Zwischen der zuvor beschriebenen futuristischen Architektur und dieser Altstadt liegen ein paar Jahrhunderte.
An allen Stellen jedoch empfand ich Valencia als menschenfreundlich, es muss Stadtväter und -mütter geben – Bürgermeister ist eine Frau – die an die Bewohner denken, wenn sie planen.

Die Bars und Restaurants sind hier den ganzen Tag über belegt, ein ständiges Kommen und Gehen aber auch lässiges Verweilen. Alle reden, oft gleichzeitig, und so schnell, dass ein Spanischkurs gar nichts nützen würde. Wir mussten uns aufs Schauen beschränken. Offenbar treffen sich die Spanier, das ist uns in allen Städten aufgefallen, viel häufiger draußen, im Café, in der Bar, im Restaurant, als das bei uns üblich ist, besonders um die Zeit zwischen 17 und 20 Uhr trinkt man gerne einen Cocktail oder ein Bier, wozu immer ein paar Oliven oder Nüsse serviert werden. Es sieht ein wenig so aus, als sei das ein zweites Zuhause.

Auch wenn der Vergleich vielleicht nicht zulässig ist, aber Valencia erschien mir attraktiver als Madrid. Museen hat es auch genug, ich habe ca. 30 gezählt, wenn auch nicht so bedeutende wie die Hauptstadt.

01
Nov
08

Uhrturm in Chelva


Die Turmuhr im Uhrturm von Chelva

Wir wollten mal schauen, wo die Bewohner Valencias sich an den Wochenenden erholen. Dazu haben wir das Bergdorf Chelva ausgesucht. Die Fahrt dorthin über eine nagelneue Autovia führte stetig bergauf. Unterwegs sahen wir einen richtigen Wasserfall, der zu den seltenen Naturereignissen in diesem gehört.

Da wir in der Mittagszeit in Chelva ankamen, hatten wir das Dorf für uns allein, nur in der einen oder anderen Bar saßen vereinzelt ein paar alte Männer. Durch verwinkelte Gassen gelangten wir zur Plaza Mayor und dem Turm mit der Uhr, die nicht nur die Stunde, sondern auch den Tag und den Monat anzeigen. Ich hoffe, das ist auf dem Foto zu erkennen. Gibt es eine solche Uhr auch anderswo? Ich habe das zum ersten Mal gesehen.

Am Stadttor wurden wir darauf hingewiesen, wo die verschiedenen Viertel liegen, in denen ehemals Juden, Mauren und Christen getrennt voneinander wohnten. Hier also sollte noch etwas zu finden sein von der besonderen Geschichte Spaniens, deren Zeugnisse sich augenfällig nur in den Palästen, Festungen und Gotteshäusern zeigen, weniger jedoch in den Stätten des Alltagslebens.
Bei unserer aufmerksamen Erkundung dieser Viertel haben sich die Unterschiede jedoch nicht erschlossen. Die Behausungen unterschieden sich offenbar nicht so sehr, wie die Glaubensrichtungen der Bewohner. Vielleicht hätten wir dafür eine Führung gebraucht. Die wäre jedoch nicht vor 17 Uhr zu haben gewesen, wenn überhaupt. Es boten sich jedoch auch ohne Erläuterungen reizvolle Aus- und abenteuerliche Anblicke.

Wir konnten uns gut vorstellen, ein Erholungswochenende hier und in den umliegenden schroffen Bergen zu verbringen, in denen es auch Wanderwege geben soll, wären wir Valencianer. Da wir nur Reisende waren, fuhren wir gegen Abend zurück in unser Quartier.

 

31
Okt
08

Aranjuez


Die schönen Tage von Aranjuez…

Nach der engen und verbauten Altstadt von Toledo ist die Fahrt durch die hügelige, teilweise sogar grüne Landschaft ein Genuss. Die Königliche Sommerresidenz Aranjuez war unser Ziel, die aus einer mittelalterlichen Jagdhütte neben einem natürlichen Wehr beim Zusammenfluss von Tajo und Jarama im 16. Jahrhundert entstanden ist.pict0058_2_2
Aber nicht das im 18. Jahrhundert von den Habsburgern erbaute Jagdschloss, nicht die Casa de Marinos, ein Museum mit den Hofbarkassen und historischem Navigationsgerät und auch nicht die Casa del Labrador, die Carlos IV sich bauen ließ haben mich am meisten beeindruckt, sondern die einzigartigen Parkanlagen. Mehr als 300 Hektar Fläche laden zum lustwandeln ein, dieser altmodische Ausdruck ist hier durchaus angebracht, weil es überall zwischen den Wegen Rondells mit steinernen Skulpturen gibt. Unter hohen Bäumen am Tajo entlang zu wandern bedeutet in diesem Land der Trockenheit etwas Besonderes, auch die vielen Wasserspiele und Brunnen im Inselgarten am Landschloss. Im Wassergraben des Schlosses tummelten sich die prächtigsten Karpfen, die ich je sah. Sie wirkten wie Ureinwohner dieses Wassers. Am schrägen Wehr standen die Gänse und Enten im Wasser und brauchten nur ihre Schnäbel hineinzuhalten, um Nahrung aufzunehmen.

Noch mehr jedoch als die Parkanlagen, die uns aus den saftigen Niederrungen des Niederrheins nicht ungeläufig sind, hat mir die Großzügigkeit der Plätze und Gebäude rings um die Schlösschen gefallen. Das Gegenteil von Toledo. Die Reihung der schattenspendenden Arkaden ließen mich an Giorgio de Chirico denken, es hatte etwas Surreales mit den dunklen Schatten im Gegensatz zum gleißenden Hell der Plätze.

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Die kleinen Parkanlagen innerhalb der Altstadt mit einer kleinen aber feinen Markthalle, waren die bewohnerfreundlichsten, die ich auf der Reise sah. Es war an alle gedacht, die Kinder sowieso, die Hunde und die Erwachsenen, für die Trimmgeräte aus Metall zur Verfügung standen, wie man sie hier nur in Fitness-Studios findet. Eine bemerkenswerte kleine Stadt.

30
Okt
08

Cartuja de Porta Coeli in Serra


Kartäuser Kloster in den Bergen bei Valencia

Von Sagunt aus bietet sich ein Ausflug in die Berge an, sie liegen direkt vor der Haustür und sind keineswegs so harmlos, wie es aus dem Autofenster erscheint. Wenn man das Auto stehen lässt und sich zu Fuß auf den Weg macht, ist Kondition gefragt, Steigungen bis 15 % sind zwischendurch immer mal zu bewältigen. Dafür wurden wir mit großartigen Ausblicken belohnt bis hin zum Meer. Wir hatten von dem Kartäuser-Kloster gehört, welches einsam in den Bergen liegen sollte. Das wollten wir nach dem ausgiebigen Fußmarsch finden. Anna-Amalie, unsere Navi-Begleiterin, nahm die Adresse bedenkenlos entgegen und wie uns diesmal anstandslos den richtigen Weg.
Das Kloster liegt tatsächlich weit ab vom nächsten Dorf in einer Talmulde. Die sanften Höhen ringsum wirken wie ein Schutzwall und tatsächlich ist dieses Tal gut geschützt gegen den Wind.

Das Kloster selbst ist von hohen Mauern umgeben, das Tor stand jedoch offen, so dass wir bis zur Klosterpforte vordringen konnten, weiter jedoch nicht. Das seit dem 13. Jahrhundert bestehende Kloster kann nicht besichtigt werden. Die hier ansässigen Mönche betreiben Obstanbau im Tal rund um das Kloster. Ein Aquädukt liefert das Wasser dazu aus den Bergen. Wir ließen uns auf der Mauer vor dem Kloster nieder und konnten eine Stille genießen, wie sie kaum noch irgendwo zu finden ist. Lediglich der Glockenschlag des neoklassizistischen Kirchturms jede Viertelstunde störte diese Ruhe, aber besser gesagt, er fügte sich in die Stille ein, betonte sie, sobald er verklang.

Wir wollten auf dem Sandweg um das Kloster herumgehen, das Aquädukt von Nahem betrachten, kamen aber nur bis zum Wald. Dort führte der Weg in die Höhe. Aus diesem Wald heraus schossen plötzlich drei kleine Lastwagen mit Waldarbeitern in atemberaubendem Tempo, im Sinne dieses Wortes, weil sie so viel Staub aufwirbelten und auch die Geschwindigkeit nicht zurücknahmen, als wir uns an die Klostermauer drückten.

Beinahe hätten wir diesen Ort im Glauben an die absolute Stille verlassen.

30
Okt
08

Valencia


Valencia modern

Am Sonntagmorgen nach Valencia, das ist die drittgrößte Stadt Spaniens, hinein zu fahren ist ganz ungefährlich, vor 10 Uhr sowieso. Wir konnten das Auto gleich neben einer der Brücken abstellen und sofort eine Etage tiefer in die Parkanlage hinuntergehen. Es stellte sich heraus, dass dieser Park kilometerlang ist, wir merkten jedenfalls, dass er gar kein Ende nahm, obwohl nur etwa 150 m breit. Nach 10 Uhr füllten sich die Wege auch zunehmend. Hier tummelte sich bald alles, Familien mit kleinen Kindern, Jugendliche, alte Spaziergänger, Radfahrer, Gymnastiktreiber und sogar ein paar Touristen.

Dieser Park war einmal ein Fluss, der Rio Turia. In den 50er Jahren hat er böse Überschwemmungen angerichtet und wurde deshalb umgeleitet. Es hätte eine Stadtautobahn an seine Stelle treten sollen. Schließlich hat eine Mehrheit sich durchgesetzt und diese Parkanlage wurde entwickelt, in der an alles und alle gedacht wurde, an schöne Spielplätze für die Kinder, Skateranlagen, Teiche, Hundewiesen, Pavillons mit Erfrischungen und Café, Toiletten, Sitzgelegenheiten. Ich habe nie vorher eine so bewohnerfreundliche Parkanlage gesehen. Die Atmosphäre dort lud zum Verweilen ein. Wieder einmal fiel mir auf, wie wenig die kleinen Kinder dazu neigen, zu nörgeln, zu streiten und zu schreien. Sie schienen zufrieden zu sein.

In diesem Flussbett stehen auch die architektonisch auffälligsten Gebäude der Neustadt vom Architekten Santiago Calatrava, die „Stadt der Künste und der Wissenschaften“ in denen u.a. eine Opern- und Musikhalle, das wissenschaftliche Museum und das größte Aquarium Europas untergebracht sind. In die Musikhalle, die einer Kaurimuschel nachempfunden sein soll, kamen wir leider nicht hinein, ich hätte das Bauwerk gerne auch von innen gesehen.

Seitlich neben dem Park zeigt sich ebenfalls moderne Architektur, sehr gradlinig, mit edlen Geschäften in den unteren Etagen. Geht man weiter Richtung Hafen, finden sich noch Reste der ehemaligen Bebauung und am Hafen selbst wieder einige schöne alte Gebäude, aber auch viele Wohnstraßen mit mehrstöckigen Häusern. In einer der Straßen hatten die Bewohner des Viertels ihre Paella-Pfannen auf kleinen Holzfeuern auf dem Asphalt ausgebreitet und waren dabei, die Paella für ein Fest vorzubereiten, die Tische und Stühle dafür standen ebenfalls mitten auf der Straße, immer im Schatten der Häuserwände.

 

Etwas außerhalb der Stadt fanden wir den Strand und einen hübschen, kleinen Bootshafen. Dort flanierten die Familien und die Paare, die Bars waren besetzt mit Sonntagsgästen. Wir nahmen uns einen weiteren Besuch der Stadt vor.

 

 

29
Okt
08

La Marina in Playa de Pucol


Fußball im spanischen Fernsehen

Der Kühlschrank in unserer Ferienwohnung war noch leer bis auf eine Wasserflasche. Wir machten uns am Abend also auf, ein Restaurant zu finden und zugleich die Gegend ein wenig zu erkunden. Durch Zufall gerieten wir nach Puçol, zwischen Sagunt und Valencia gelegen. Der Ortskern war überall gesperrt wegen eines Festes mit Feuerwerk. Wir hielten auf den Strand zu und stellten uns ein gemütliches Fischlokal vor. Es dämmerte schon und am Strand gab es jede Menge freier Parkplätze. Die Ferienhäuser in Reihe duckten sich lichtlos unter dem Abendhimmel. Hier war die Saison eindeutig vorbei, der Strand entsprechend menschenleer. Wir hielten mit zunehmendem Hunger nach einem beleuchteten Reklameschild für spanisches Bier oder ähnlichem Ausschau. Wir waren eine gute Viertelstunde am mit Reihenhäusern gesäumten Strand entlang gelaufen und wollten unseren knurrenden Mägen die Dringlichkeit schon ausreden, als wir doch noch etwas aufblitzen sahen und beglückt darauf zusteuerten.

Das Restaurant La Marina entsprach exakt unseren Vorstellungen, war gemütlich blauweiß eingerichtet, wie wir durch die Fenster sehen konnten, eine größere Gruppe saß an einem Tisch und speiste offenkundig mit Behagen. Wir suchten den Eingang und fanden ihn zwar mit offener Tür jedoch vergittert. Da sich schon jede Menge Speichel angesammelt hatte durch den Blick auf die Tafel im Innern suchten wir noch nach einem anderen Eingang, fanden das Hinweisschild auf die Öffnungszeiten und stellten fest, wir waren zu früh. Erst um 21 Uhr sollte diese Stätte der Sättigung die Pforten öffnen, am Tisch drinnen aß offenbar die Besatzung. Der Besitzer bemerkte uns, hatte Mitleid und öffnete das Gitter eine halbe Stunde vor der Zeit. Wir durften uns schon setzen und bekamen zu trinken und die Speisekarte mit einer halben Stunde Zeit zum Studieren. An der Kopfseite lief ein Fußballspiel im Großformat auf einem Plasma-Bildschirm. Familie und Bedienung oder beides in einem saßen und aßen und guckten, den einen oder anderen Spielzug Sevillas gegen Villareal ernst diskutierend, bis kurz vor 21 Uhr jemand aufstand und die Küchenschürze umband, was unsere Mägen zum Knurren brachte vor Vorfreude.

Unsere Wünsche wurden vom Inhaber aufgenommen, ohne dass er den Blick vom Fußballgeschehen gewendet hätte. Auf die gleiche Weise servierte er die Vorspeisen platzgenau. Er tauschte mit meinem Gatten ein paar Worte zum Spiel auf deutsch. Als die zwölfköpfige Gruppe eintraf, für die der Nebentisch schon gedeckt bereit stand, waren wir beim Hauptgang angelangt. Am Nebentisch, der unmittelbar vor dem Bildschirm stand, vollzog sich das gleiche Ritual, Bestellungen aufschreiben, nette Worte wechseln, an die Theke und Küche weitergeben ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen, Getränke passgenau auf die Tische stellen, genau so die Teller, alles ohne Verwechslungen, wobei die männlichen Gäste es sicher auch nicht bemerkt hätten, da sie ebenfalls alle in eine Richtung blickten. Es machte dabei nicht mal den Eindruck, als wäre der Bedienende nachlässig, er wirkte voll konzentriert sowohl auf seine Gäste als auch auf die Fußballer. Eine Meisterleistung, wie ich finde. Der Mann hinter der Theke konnte auch das Bier zapfen und die Gläser auf dem Tablett platzieren ohne hinzuschauen oder etwas umzustoßen. Ob in der Küche auch ein Fernseher stand und die Köche ähnlich fähig waren, blind die Fische zu braten, entzog sich meinem Einblick. Sie schmeckten jedenfalls nicht blindfischig. Wir haben dort sehr gut gegessen und fühlten uns ausgezeichnet bedient. Ein abwechslungsreicher Abend mit ganz neuen Aspekten.