Die Corrida
Der dritte Teil meines Berichtes über Valencia ist der schwierigste. Vielleicht habe ich so ausführlich über diese Reise nur berichtet, um diesen einen Bericht hinauszuzögern. Ich will aber trotzdem darüber schreiben, weil ich mir schreibend vielleicht klarer werde, was ich erlebt habe.
Länger als ein halbes Jahr vor der Reise wusste ich schon, ich würde einen Stierkampf besuchen. Viele Maler und Schriftsteller haben sich mit diesem Thema befasst, u.a. A.L. Kennedy, die ich sehr schätze, mit einem nachdenklichen Buch, das 2001 bei Wagenbach erschien. Danach wollte ich das Spektakel unbedingt mit eigenen Augen sehen, war eher neugierig als voreingenommen, wenn auch nicht ohne Bedenken.
In Madrid waren keine Karten mehr zu bekommen. Ich wollte sowieso eher das durchschnittliche Schauspiel sehen, mit einem alltäglichen Publikum. Daher die Entscheidung für Valencia und für eine Corrida der Novilleros. Schließlich bin ich auch eine Anfängerin und wüsste es sicher nicht zu schätzen, wenn ein prominenter Matador seine Kunst vorführt. Wir hatten noch allerlei Hindernisse zu überwinden, bevor wir an der Kasse der Arena endlich unsere buntbedruckten Karten bekamen. Angekündigt waren die Novilleros:
Juan Francisco Prados, Pascual Javier, Pedro Marín
Wir hatten Schattenplätze gewählt und ignorierten die angebotenen Sitzkissen. In den unteren Reihen mit Holzbänken sind sie auch nicht notwendig, ab Reihe 5 sind die Bänke aus Stein und sehr eng beieinander. Ich bekam Bedenken, was ich mit meinen langen Beinen anfangen sollte, wenn die Reihen voll würden. Wir waren eine halbe Stunde vor Beginn auf unseren Sitzen, weil ich genau sehen wollte, welche Menschen hier Platz nehmen würden. Es stellte sich heraus, dass es überwiegend Männer ab 60 waren, die gelegentlich einen Enkel dabei hatten. Einige Damen erschienen perfekt hergerichtet, wie bei uns in der Oper. Ich glaube zwar nicht, dass wir die einzigen Touristen waren, aber ich konnte keine anderen ausmachen, wenn, waren es spanische Touristen. Es wirkte jedoch eher so, als sei man hier unter sich und aus dem näheren Umfeld. Das Rund der Arena füllte sich nur zu einem Drittel. Ich hatte die Kamera dabei und meinen Zeichenblock. Da ich vorher unterrichtet worden war und mich darüber hinaus noch ein wenig kundig gemacht hatte, wusste ich ungefähr, was mich erwartet. Mein Gatte war nur mir zuliebe mitgekommen. Vom Publikumseindruck war ich ein wenig enttäuscht, ich hatte es feierlicher erwartet, was vielleicht nur in Madrid der Fall ist oder nur bei besonderen Corridas. Hier herrschten die karierten Hemden vor.
Die Arena selbst ist durch die Farbgebung schon sehr beeindruckend, der ockerfarbene, glatt gefegte Sand hebt sich vom dunklen Rot der Barrera, der Holzwand, die den Ring umgibt, kontrastreich ab. Wenn die Mannschaft einmarschiert, gekleidet in die traditionellen, glitzernden Gewänder, angeführt von zwei Schimmeln mit Reitern in historischen Kostümen, gefolgt von den drei Toreros der Corrida, den Banderilleros und den berittenen Picadores sowie den übrigen Helfern, ist das wegen des feierlichen Ernstes sehr beeindruckend. Es marschieren also alle Beteiligten quer durch die Arena, verbeugen sich vor der obersten Loge des Präsidenten, der die Erlaubnis für den Kampf erteilt, dann teilen sich sich und gehen rechts und links wieder zurück zum Tor, zuletzt die Pferdeführer mit den schweren Gäulen und die Männer, die Blut und Kot zu beseitigen haben.

Danach werden die bereit liegenden magentafarbenen Capes „getestet“ oder warmgeschwungen. Nach einem Moment der Ruhe, in dem auch die Gespräche auf den Rängen verstummen, erscheint der erste Stier im Rang. Er stürmt durch den Gang und bleibt wie irritiert stehen. Es ist deutlich zu sehen, dass er heftig atmet, erregt ist. Ich habe wieder das Bild der weitläufigen Weiden in menschenleerer Landschaft vor Augen, dort kommt er her, dieses hier kennt er nicht. Erst recht nicht die leuchtenden Tücher, die von drei Toreros vor ihm geschwenkt werden, ihn hier und dort hin locken, in Bewegung halten, reizen und müde machen. Für den Stier ist das Tuch der Angriffspunkt, er greift diese Bewegung an, stürmt immer wieder los und immer ins Leere. Er atmet jetzt heftiger, seine Flanken beben und ziehen sich stark ein. Es ist ein junger Stier, nicht schwerer als 400 kg, der auf die jungen Kämpfer trifft, Trotzdem beeindruckt mich dieses Tier mit seiner Kraft, mit seinem muskulösen Körperbau, in seiner Schönheit. Ich habe einmal einen Bullen modelliert und den Körperbau genau studiert dabei. Dieser hier ist so viel prächtiger als alle Stiere, die ich je auf Deutschlands Weiden sah.
Nur erscheinen zum zweiten Teil die Picadores auf ihren dick gepolsterten Pferden. Es sind zwei, die sich abwechseln, bei jedem Kampf. Einer stellt sich gegenüber dem Toril auf und wartet darauf, dass ihm der Stier vom Torero zugeführt wird. Der Stier soll das Pferd angreifen, dazu senkt er den Kopf und würde das Pferd mit den Hörnern am Bauch oder den Flanken verletzen, wenn es nicht die Schutzpolsterung hätte. Der Picador sticht bei diesem Angriff mit der Lanze, der pica oder puya, in den Nacken. Das geschieht zwei mal und soll bewirken, dass der Stier den Kopf gesenkter hält, weil der Matador sonst nicht über die Hörner greifen könnte beim Todesstoß.

Die Aficionados behaupten, die Stiere würden 20 Minuten lang keinen Schmerz fühlen wegen des Adrenalins in ihrem Blut. Länger darf ein Kampf auch nicht dauern, aus diesem Grunde. Weiter heißt es, der Blutverlust des Stieres durch die Stiche mit der Lanze bewirkten einen Blutdruckabfall ohne den der Stier am hohen Blutdruck zugrunde ginge. Das lasse ich so stehen, wie ich es gehört und gelesen habe. Ich weiß ja nicht, wer diese Untersuchung in Auftrag gab.
Gesehen habe ich, dass der Stier nach den Lanzenstichen ein anderer war als zuvor, sehr viel von seiner Energie verströmte mit dem Blut. Der zweite Stier war nachher kaum noch zu etwas zu bewegen, obwohl er so temperamentvoll gleich beim Einlaufen seine Hörner in das Holz der Barrera gesetzt hatte.
Der so verletzte Stier wird nun von einem der drei Banderilleros gelockt, der dem Stier gegenübersteht und in einem Bogen losläuft, wenn der Stier angreift. Auf gleicher Höhe springt der Banderillero hoch und platziert zwei ca. 50 cm lange Pfeile mit Metallspitzen und Widerhaken in der Schulter des Stiers, der Schaft hängt herunter, mit buntem Papier umwickelt. Sechs solcher Banderillas werden gesetzt, von jedem Banderillero zwei. Der Matador steht dabei im Hintergrund. Die Aktionen werden vom Publikum beklatscht. Bewirken soll dieses eine Schwächung der Muskulatur und Markierung des Punktes, den der Matador später mit dem Degen treffen muss.

Auf diese Weise dekoriert und wie mir schien verwirrt, steht das massige Tier blutend, heftig atmend, mit gesenkten Hörnern in der Arena. Ich habe Mitleid mit dem Tier, mein Gatte möchte jetzt gehen, ich bitte ihn, noch zu bleiben.
Als der Matador in seiner engen Hose, den „Balett-Schühchen“ und der Traje de luces, dieser schweren, steifen, glitzernden Jacke mit den überbetonten Schultern, in die Mitte der Arena schreitet, die Montera grüßend zum Publikum hin hebt, was wohl bedeutet, dass er den Tod dieses Stieres dem Publikum widmet, kommt er mir wie ein Geck vor gegen das Tier. Der Schöne und das Biest. Der Hut ist mit der Öffnung nach oben liegen geblieben als er ihn nach dem Gruß über die Schulter warf, was einem Aberglauben zufolge keine gutes Zeichen für den Matador ist, da er das Blut desselben sammelt, wie es heißt.
Tatsächlich wird der Matador nach zwei oder drei Passagen mit der Muleta, einem fast runden Tuch, welches über einem Holzstock hängt, vom Stier zu Boden geworfen. Ein Raunen geht durchs Publikum, der Stier versucht, den auf dem Boden liegenden Mann mit den Hörnern zu erwischen, er wird schnell und erfolgreich von den hinzueilenden Helfern mit den Magenta-Tüchern abgelenkt. Der Matador steht unverletzt, wie es scheint, auf und nimmt wieder Haltung ein. Ich kenne mich nicht genug aus um einzelne Passagen beim Namen zu nennen, weiß nur, dass der Matador den Stier immer weiter an seinen Körper heranführt, das Tier soll ihm folgen und gehorchen, damit es in die richtige Position für den Todesstoß gebracht werden kann. Hierbei zeigt sich die Könnerschaft des Matadors – oder auch nicht. Hier eher nicht, weil der Stier z.B. mit dem Kopf in den Sand geführt wurde.
Ich vergaß immer wieder das Fotografieren, an Zeichnen war gar nicht zu denken, das Geschehen in der Arena, die eleganten Bewegungen des Matadors, die Angriffe des Stieres nahmen meine Aufmerksamkeit völlig gefangen, außerdem zitterte ich die ganze Zeit vor innerer Anspannung. Erst beim zweiten Kampf konnte ich auch genug Fotos machen um zu Hause noch einmal alles Revue passieren zu lassen.

Als der Matador den Stier zu sich ruft, sich ihm gegenüberstellt mit ausgestrecktem Degenarm, ist immer noch der Stier das überlegene Wesen. Nur durch die ihm schon zugefügten Verletzungen kann der Matador nun diesen Stoß ausführen und dieser setztihn nicht sauber, muss wiederholen, aber der Stier bricht noch nicht zusammen, steht nun an der Barrera, wird von den Helfern rechts und links mit den Magenta-Tüchern dazu veranlasst, den schweren Kopf hin und her zu wenden, was dazu führen soll, dass der Degen im Innern endgültig den Tod bringen soll. Es dauert endlos lange, nach meinem Gefühl, bis das Tier in den Vorderbeinen einknickt und zu Boden sinkt. Erst dann schreitet der Matador, der Stiertöter, aus der Arena.

Beim zweiten Kampf musste zum Schluss ein kurzer Dolch eingesetzt werden, um den Stier endgültig vom Leben in den Tod zu befördern. Also hatte auch der zweite Matador den Punkt nicht getroffen.
Ich hatte vorher von den Fachleuten zu lesen bekommen: „Denke daran, niemand will die Stiere quälen.“
Mir kam das Ende dieser prächtigen, lebensvollen Tiere wie eine endlose Quälerei vor und ich fand den Anblick der toten, dunklen, blutüberströmten Masse, die soeben noch lebensvoll und angriffslustig gewesen ist, derart deprimierend, dass ich nicht nachvollziehen kann, wie das Ganze als Feier des Lebens bezeichnet werden kann. Es war eine Feier des Todes, ein Totentanz, wenn man so will.
Mein Mann wollte nach dem zweiten Kampf nicht mehr bleiben, auf gar keinen Fall. Ich wollte, so zittrig wie ich war, auch nicht alleine dort hocken, zwischen all den alten Männern. So haben wir den dritten Matador, Pedro Marin, nicht mehr erlebt, der sehr schwer verletzt wurde, wie wir am nächsten Tag auf der ersten Seite der Zeitung sehen konnten. Er musste auf der Intensiv-Station behandelt werden. Es geht wirklich um Leben und Tod, für Mensch und Tier. Ich hoffe, der junge Mann wird wieder gesund.
Durch den Zeitungsartikel kam ich ins Gespräch mit der Frau an der Rezeption, die sich offenbar gut auskannte in den Gepflogenheiten ihrer Heimat. Da sie auch deutsch sprach, erfuhr ich einiges über den Umgang mit Stieren, auch, dass die Corrida das Zivilisierteste ist, da sie bestimmten Regeln zu folgen hat. Aber keine Regel, die nicht auch umgangen wird. Man kann das nachlesen. Es ist viel Geld im Spiel bei diesem Spiel. 1.200 Zuchtbetriebe mit 70.000 Beschäftigten sorgen für Nachschub in den Arenen, die 6 Stiere, die dort pro Corrida „verbraucht“ werden, bringen 150.000 Euro.
Was ich nicht erfahren konnte war, was ein Stier kostet oder ob das die „Ausschussware“ ist, der in den Dörfern sowie im Umfeld der modernen Stadt Valencia durch die Straßen getrieben und auf unvorstellbare Weisen gequält und getötet wird, z.B. durch brennende Röhren auf seinen Hörnern, die ihm nach und nach die Augen ausbrennen, bevor jedermann zustechen darf. Das soll als Beispiel genügen, es gibt andere, genau so schlimme. Das scheint bekannt zu sein, wird aber kaum von den Freunden der Stiere thematisiert.
Ich will nicht über die Sitten und Traditionen eines anderen Landes urteilen, in unserem geschehen den Tieren auch schlimme Dinge. Es ist auch keineswegs so, als hätte ich die Vorgänge verstanden, was sicher nach einem Besuch auch gar nicht möglich ist.
Es bleiben viele Fragen, viel zu viele. Für mich symbolisiert die Corrida die „andere Seite“ Spaniens. Mir ist es nach Abschluss meiner drei bisherigen Reisen so vorgekommen, als sähe ich das Land, wohin ich auch blicke, wie einen funkelnden Spiegel, sehe immer auch mich selbst dabei, niemals aber hindurch, hinter den Spiegel.
Neueste Kommentare