5 Sterne mit Frühstück
Zum zweiten Mal in meinem Leben hielt ich mich in einem 5-Sterne-Hotel auf. Einmal für eine Nacht in Berlin, jetzt in Side-Sorgun dank ACV mit Frühstück. Das Abendessen buchten wir dazu, weil der Reiseleiter aus dem Schwärmen über das Essen gar nicht mehr herauskam und das Hotel in einem Wäldchen etwas abseits sonstiger Möglichkeiten lag.
Bei einer Inspektion des Hauses ergab sich das Bild eines offenbar gut geführten Riesenhotels mit 470 Zimmern, dem beige-braunen Charme der 70er, sehr schönen Außenanlagen mit einem großen Pool, Gartenanlagen und Zugang zum Strand, deren Liegenbelegung mit Handtüchern ausdrücklich verboten war, einer Außenbar mit Musikanlage, einem Kellergeschoss mit Türkischem Dampfbad und allem, was dazu gehört, einschließlich der Einkaufsmöglichkeit von Badelatschen, geräumigen Zimmern mit Balkonen und einer Menge Katzen, die von einem Direktionsangestellten gefüttert wurden, wie ich später herausfand, aber natürlich auch von den Gästen.
Soweit wäre alles in Ordnung gewesen, wäre nicht das Hotel mit ca. 800 überwiegend deutschen und österreichischen Gästen belegt gewesen. Das fiel nicht sofort auf, aber beim Abendessen wurde es unübersehbar, weil sich alle in einem einzigen großen Speisesaal mit langen Tischen in Reihe einfanden, in den der erste Schub schon vor der Tür wartend einfiel, als diese geöffnet wurde gegen 18 Uhr. Ich hatte so etwa noch nicht erlebt und sofort Fluchtgedanken. Da schoben sich Figuren am überreich bestückten Buffet vorbei, die noch weit übertrafen, was zu Rubens Zeiten als Ideal gegolten hatte.
Trotz der Größe des Saales war schnell zu überblicken, dass sie in der Mehrheit waren. Nun wäre es kein Problem, auch mit übervollen Tellern gefahrlos aneinander vorbeizulaufen, wenn das einfache Gebot des Rechtshaltens aus dem Straßenverkehr auch für den Speiseverkehr eingehalten würde. Auf diese Idee war offenbar noch niemand gekommen, so dass es ein Balanceakt wurde, mit dem, was auf dem Teller lag, auch zum Platz zu gelangen zwischen den kreuz und quer, rückwärts und im Kreis laufenden Unschlüssigen hindurch. Diese deutsche Fülle machte es mir leicht, beim Nachtisch-Buffet trotz großer Versuchung bescheiden zu bleiben.
Der Geräuschpegel im Saal versprach neben dem Gedränge eine leichte Steigerung meiner Nervosität. Am nächsten Tag fanden wir eine Ausweichmöglichkeit in einem kleineren Raum nebenan, für den lediglich das Hindernis zweier Pendeltür überwunden werden musste. Dort konnten wir, so unsere Hoffnung, die Köstlichkeiten an Salat- und Gemüsezubereitungen, die ich in einer solchen Vielfalt noch nie geboten bekam, in Ruhe genießen. Allerdings stellte sich heraus, dass dieser Raum Musikberieselt wurde und zwar mit zwei Musikstücken gleichzeitig, Gianna Nannini unter oder über asiatischer Entspannungsmusik oder abwechselnd moderater amerikanischer Jazz unter oder über italienischen Arien. Niemand außer mir schien das zu bemerken. Ich habe an jedem Abend erfolglos versucht, dass abstellen zu lassen. Die Herren Manager, die sich gegen Abend in der Lobby sehen ließen, sprachen vorsichtshalber als einzige kein Deutsch. Die Prozedur war immer die gleiche, ich wurde zur Rezeption geführt, dort griff man sofort verständnisvoll zum Hörer und gab türkische Anweisungen, die ohne Folgen blieben. Da ich sowieso eine Gegnerin von Zwangsbeschallung bin, war das eine ganz persönliche Folter. In den Saal wollte ich aber auch nicht zurück.
Am dritten Tag war es zum Glück draußen schon morgens warm genug, um das Frühstück auf der Terrasse einnehmen zu können, mit Blick auf Palmen, Meer und die frechen Katzen, die immer auf ihre Kosten kamen. Wir wurden morgens und abends von sehr freundlichem Personal bedient, zwei von ihnen sangen sogar bei der Arbeit. Bewundernswert!
Der Eindruck im Hotel, dass alle immerzu entweder aßen oder tranken oder beides zugleich erklärte sich dann bald aus der Farbe der Bändchen, mit denen man ans Hotel gebunden wird und als Gast erkennbar. Türkis hieß all inclusive. Viele hielten das durch bis nachts gegen 3 oder 4, dann schlugen die Türen der Zimmer endgültig zu.
Wir zwei, mit den roten Bändchen, hatten trotz aller Vorsicht zum Schluss eine happige Getränkerechnung zu bezahlen. Das und die fehlgesteuerte Musik sind jedoch die beiden einzigen Punkte, die ich zu bemängeln habe.

























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