Wir hatten ein Quartier in Westergeest gefunden, einem sehr kleinen, friesischen Dorf in der Polderlandschaft. Nur ein einzelnes Schaf auf dem Nachbargrundstück beäugte uns jeweils neugierig beim Ein- und Aussteigen ins Auto. Es war vielleicht ein bisschen einsam, während die Artgenossen außerhalb des Dorfes zahlreich zusammen mit den Lämmern zwischen den Wasserläufen grasen durften.

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Die nächste kleine Stadt ist Dokkum, immerhin schon mehr als 1.250 Jahre alt, mit wechselvoller Geschichte. Durch die Landgewinnung wurde sie von einer Seestadt zu einem Städtchen mit eher ländlichem Charakter. Weil Bonifatius hier gestorben sein soll, ist es ein Wallfahrtsort.

Für uns war es ein gemütliches Städtchen, mit hübschen, friesischen Häusern, ein paar guten Restaurants, die sich mit den Öffnungszeiten abwechseln, einer Mühle am Kanal und viel Wasser, wie überall in Friesland.
An der Mühle ging es mir ähnlich, wie in Haarlem mit dem Uhu. Ich sah einen Mann im Schiffstau am Mast hängen, sein langes Haar flatterte im Wind, das war jedoch das einzige, was sich bewegte. Da niemand einfach so im Mast herumhängt, musste auch er aus Kunststoff gefertigt worden sein, aber so gut, dass es eines zweiten Blickes bedarf, um sich der Täuschung bewusst zu werden. Auf Fotos lässt es sich nicht feststellen, so gut ist die Figur gemacht.

Besonders gut hat es mir an den beiden Abenden gefallen, die wir hier verbrachten. Überall spiegelten sich Laternen und Fensterbeleuchtungen im Wasser. Es war leider nur noch nicht warm genug, den Abend an einer Gracht sitzend zu verbringen. Möglichkeiten gibt es im Sommer genug.

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unterwegs entdeckt

Schiffsseile

Schiffsseile

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Mann am Mast

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Designer-Ente


Leeuwarden

Der zweite Besuch bei den Nachbarn führte uns auf direktem Weg nach Leeuwarden, bevor es 2018 Kulturhauptstadt wird. Friesland war unser Ziel und Leeuwarden ist die Provinzhauptstadt. Sie hat noch zwei andere Namen, einen friesischen „Ljouwert“, was mit meiner Zunge nicht auszusprechen ist, und stadtfriesisch „Liwwadden“. Die Herkunft des Namens scheint nicht zu klären zu sein, es gibt mehrere Varianten, nur der zweite Teil ist offenbar eindeutig in der Bedeutung „Warft“. Es hat über 200 Namen für die Stadt gegeben im Laufe der Jahrhunderte. Erstmals wurde sie im 9. Jahrhundert erwähnt.

Im schönen, neuen Friesenmuseum mitten in der Stadt wurde auf der obersten Etage der Toten des zweiten Weltkrieges gedacht, ein Raum war angefüllt mit den Ausweisen der verschleppten und getöteten Juden. Von 1940 bis 1945 war Leeuwarden von den Deutschen besetzt, bis die Kanadier die Stadt am 15. April befreiten. Diese Befreiung wurde feierlich begangen. Nicht nur hier, wie wir später feststellten. Sehr interessant war eine Etage tiefer auch die Dokumentation der Landgewinnung. Es ist sehr beeindruckend, wie die Menschen mit Schaufeln und Schubkarren dem Meer das Land abtrotzten, immer wieder zurückgeworfen durch Stürme und Überschwemmungen, aber nie aufgebend. Es war gut, diese Anfänge gezeigt und erklärt zu bekommen, man sieht die Polderlandschaft dann mit anderen Augen.

In der Altstadt konnten wir uns darüber freuen, dass so viele mittelalterliche Häuser den Krieg überstanden haben. Die Neubauten am Rande der Altstadt fügen sich gut in das von Grachten und Brücken bestimmte Bild als bewusster Gegensatz ein. Das Nebeneinander von Alt und Neu gefällt mir oft sehr gut bei den Nachbarn. Man findet z.B. moderne Restaurants im kühlen Stil der Neuzeit und gleich nebenan alte Gasthäuser mit Teppichen auf den Tischen und auf allen Simsen Gesammeltes aller Zeiten. Da hängt dann eine Siebengeislein-Uhr an der Decke, weil kein Platz mehr an den Wänden war.

Auf dem Platz hinter dem Keramikmuseum gibt es einen Turm „Oldehove“, der ähnlich schief steht, wie der in Pisa und wie dieser immer mehr Neigung bekommt. Er hat damit schon in der Bauzeit nach 1529 begonnen. Die Leeuwardener wollten eine größere Kirche als die in Groningen bauen. Das Kirchenschiff musste wegen der Neigung abgerissen werden, nur der unfertige Turm blieb stehen.

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Leider war es regnerisch an diesem Tag, so dass die Farben der Stadt und der Spiegelungen in den Grachten nicht richtig zum Leuchten kamen. Auch die ungewöhnlichen Möglichkeiten, auf dem Wasser zu speisen konnten wir deshalb nicht nutzen.

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Kopfschmuck der Kopfweiden

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Während die im Vorjahr beschnittenen Kopfweiden nun wieder Kopfschmuck tragen dürfen…

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schauen die jetzt noch kahlen neidisch zu, sie müssen warten bis zum nächsten Frühling.


Naturpark Kennemerland

Um den Bericht über die kleine Reise in die Niederlande zu vervollständigen, sollte ich noch den Naturpark erwähnen, dessen Eingang für uns leicht zu erreichen war, da wir in Overveen wohnten. Das ist ein kleiner Ort mit einem Bahnhof uind einem schnuckeligen Hotel. Vom Bahnhof aus kann man stressfrei nach Amsterdam und Haarlem fahren, ohne Parkplatznöte. Für den Naturpark sind Fahrräder am praktischsten. Die Parkgebühren bei den Nachbarn sind ziemlich hoch.

Der Park liegt zwischen Overveen und dem Strand von Bloomendaal. Er ist 38 Quadratkilometer groß, hat hohe Dünen, kleine Wälder und Seen, Wildpferde und Hochlandrinder laufen frei und fressen, was nicht wachsen soll. Die Pfade durch das Gebiet machen das Laufen angenehm, mit dem Rad wären wir schneller voran gekommen, hätten aber vielleicht nicht so viel gesehen am Wegesrand.

Den sehr breiten Strand haben wir zum Schluss auch noch aufgesucht. Die Saison hatte noch nicht so richtig begonnen, man war noch dabei, die Strandpavillions, die immer aufwändiger werden, aufzubauen und herzurichten. Im Sommer wird es sicher nicht mehr so ruhig dort sein. Man kann bequem bis Zandvoort laufen, unterwegs Fisch essen und die Wasservögel beobachten. Mir gefielen die kleinen Strandläufer so gut, die ihre Beine schneller bewegen können, wenn sie vor den Wellen herlaufen, als ich mit den Augen folgen kann. Ab und zu saß eine Möve wie eine Gouvernante bei ihnen. Auch die Krähen spazierten zu Fuß am Wasser entlang, immer nach Leckereien Ausschau haltend.

Zu unserem Erstaunen stellten wir fest, dass das Restaurant in unserem Hotel “Loetje” jeden Abend bis auf den letzten Platz besetzt war, und zwar überwiegend von Einheimischen, an sieben Tagen in der Woche, wie uns der Hausherr versicherte.  Es hat sich offenbar etwas verändert bei den Nachbarn. Ich habe zum guten Frühstück übrigens den besten Kaffee aller (Reise)Zeiten bekommen.

Wir werden bald mal wieder an die Küste fahren. Es ist nicht so weit und trotzdem ganz anders als zu Hause.


Kleiner Rundgang durch Haarlem

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Haarlem ist etwas übersichtlicher als Amsterdam. Mich hat es eher zum Verweilen eingeladen, während Amsterdam immer lockt, um die nächste Ecke zu lugen. Der Baustil ist natürlich sehr ähnlich, gelegentlich steht gelungenes Neues neben dem Alten.

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Sehr Altes wird andererseits auf neue Weise genutzt. Im Beginenhof, wo früher gläubige Frauen ein keusches Leben führten, ist jetzt das Rotlichtviertel mit Fensterprostitution. Wir waren zufällig dorthin geraten und wunderten uns anfangs über die roten Laternen, wie „Landeier“ sich eben wundern. Als ich einen roten Barhocker im Fenster stehen sah, allerdings ohne Besetzung, war mir erst bewusst, wo wir uns befanden – gleich neben der ältesten Kirche von Haarlem.

Alle Restaurants um den besonders am Abend heimelig wirkenden Marktplatz herum waren gut besetzt, mitten in der Woche. Auch der Haarlemer Bahnhof hat am Abend eine spezielle Anmutung. Man erwartet eine einfahrende Dampflock, wenn man dort auf dem Bahnsteig steht und an den gegenüberliegenden Gebäuden studieren kann, dass es einmal Wartesäle erster, zweiter, dritter und vierter Klasse gegeben hat. Im Wartesaal der zweiten Klasse wurde Rock’n Roll getanzt. Der Zug lief ein und ich konnte mich nicht näher überzeugen, ob ich wache oder träume.


Amsterdamer Spiegelungen

Nach welchen Kriterien soll man sich einen Weg durch die Stadt auswählen? Es gibt so viel zu sehen. Es ist ganz ähnlich wie im Museum, unmöglich alles anzuschauen. So bin ich diesmal den Spiegelungen gefolgt und hätte es noch viele Stunden weiter tun können, wegebn der Vielzahl und wegen der Faszination,  wäre es nicht unversehens Abend geworden. Die mehrstöckigen Häuser schließen die Abendsonne aus, die aufglühenden Lichter in Häusern und Laternen wären ein neues Thema gewesen. Die Augen und die Füße waren zu müde, dem noch zu folgen. Eine zufriedene Erschöpfung gaukelte mir auf dem Rückweg im schaukelnden Zug noch immer das leise Tanzen der Häuser im Wasser vor.


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