Lebensgroße Gipsfiguren

Die Bildhauerin erzählt:

Zu Anfang habe ich nur gezeichnet, hauptsächlich Menschen. Hunderte Akt- und Portraitzeichnungen sind entstanden, bis ich die Proportionen sicher im Griff hatte oder im Griffel, wenn man so will.  Danach reizten mich die unbewegten Positionen nicht mehr, die Bewegung kam ins Spiel und die Dreidimensionalität. Die menschliche Figur zu modellieren erschien mir um vieles leichter, als mit Stiften eine Form dafür zu finden.

Waschfrau

Waschfrau in Isselburg

Busmann

Hendrik Busmann in Kevelaer

Der erste Auftrag, eine lebensgroße Figur herzustellen, kam genau zum richtigen Zeitpunkt, nämlich als neue Herausforderung, nachdem ich eine Reihe kleiner Figuren modelliert hatte.  Als ich den Auftrag am Telefon annahm, zitterten mir die Knie. Es sollte der Begründer der Wallfahrt in Kevelaer dargestellt werden, ein Kaufmann aus dem 16. Jahrhundert, der mit einer Kiepe über Land gezogen war und einem Marienbild eine Kapelle gebaut hatte, die den Wohlstand der kleinen Stadt begründete.  Ich hatte weder mit Gips noch mit Bronze irgendwelche Erfahrungen. Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben, sagte ich mir und lernte unglaublich viel bei dieser Arbeit. Sie wurde von den Auftraggebern wohlwollend angenommen und später auch von den Menschen in der Stadt. Hendrik Busmann hatte bald einen blanken Bronzefuß, es heißt, es bringe Glück, auf diesen Fuß zu treten.

Aus dieser ersten Figur hat sich alles weitere ergeben. Der zweite Auftrag sollte eine Waschfrau sein, die an der Issel in Isselburg stehen sollte, dort, wo früher die Frauen gewaschen haben. Das war für mich einfacher, weil es keine bestimmte Person repräsentieren sollte, ich war frei in der Gestaltung. Der auf die Hüfte gestemmte Korb war hier die Schwierigkeit. Bei der Kiepe des Kaufmanns hatte ich ein Verfahren entwickelt, echtes Weidengeflecht mit Gips zu überziehen, indem ich mit einer Bürste den flüssigen Gips in die Rillen rieb. Sehr aufwändig, aber wirkungsvoll.

Dieses foto-bebiVerfahren kam mir auch bei dem dritten Auftrag, dem Besenbinder von der Bönninghardt, zugute. Hier sollte ein Mann in Bronze entstehen, der bis Mitte der 70er Jahren gelebt hatte und den einige Bürger des Städtchens noch gekannt haben.  Ich hatte von dem Mann nur ein grob gerastertes Zeitungsfoto. Es ist schwierig, eine Person zu portraitieren, von der so gut wie nichts Sichtbares mehr gibt. Ich bin dann auf Geschichten angewiesen, die mir erzählt werden. Ich wusste dann, wo er nachmittags auf ein Butterbrot einkehrte, bei seiner Runde mit der Karre, hoch mit Heidebesen beladen, die nackten Füße in den Holzschuhen, auch im Winter, auf dem Kopf immer eine Mütze.  Aus diesen Geschichten forme ich den Menschen, bis er von denen erkannt wird, die ihn noch kannten.

Modell Besenbinder

Tonmodell zum Besenbinder

Dann bin ich mit einer beladenen Schubkarre im Garten herumgelaufen, musste spüren, wie es sich anfühlt, in den Armen, in den Schultern, im Rücken. Ging er gebeugt oder mit Rücklage? Die Hände außen herum? Eher breitbeinig? Ich kaufte Holzschuhe und probierte es in Holzschuhen wieder und wieder, bis ich sicher war. Ein Modell aus Ton in 30 cm Höhe entstand nun und wurde für gut befunden.  Zu dem Zeitpunkt nehme ich auch Änderungswünsche entgegen, wenn nötig. Danach lasse ich mir nicht mehr dreinreden. Anhand des kleinen Modells kann die Gießerei einen Kostenvoranschlag machen. Etwa der gleiche Betrag kommt für das Anfertigen des großen Gipsmodells dazu. Wenn das genehmigt wird, kann es ernsthaft losgehen.

Jetzt bebi1konnte ich auf die Holzplatte zurecht gebogene Moniereisen nageln, die das Skelett bilden und endlich mit der lebensgroßen Umsetzung beginnen.  Ich rührte Gips relativ flüssig in einem Eimer an und tauchte Holzwolle hinein, die dann um das Skelett herumgewickelt wurde. Das trocknete recht schnell und ich kam zügig voran, Schicht auf Schicht. Eine lockere Struktur ergibt sich dadurch.  Korrigieren kann ich nur durch Abschlagen und neu aufbauen. Es ist eine harte, staubige Arbeit, ich sollte einen Mundschutz tragen, kann ich aber nicht, Handschuhe auch nicht. Die Haubebi-einzelt trocknet aus dabei, die Fingernägel werden sehr fest, der leichte und lange schwebende Gipsstaub dringt in die Bronchien ein. Auch in den Rechner zwei Zimmer weiter, einen habe ich mir damit ruiniert.

Die Figur steht auf einer Drehscheibe, so dass ich immer ringsum arbeiten kann. Das Atelier ist 100 qm groß, ich habe also genug Platz um mit Abstand den Fortgang der Arbeit zu beobachten. Das ist sehr wichtig. Manchmal gehe ich auch nach draußen und schaue durchs Fenster um noch mehr Abstand zu haben. Die Figur wird unter freiem Himmel stehen und draußen ganz anders wirken. Ich darf nicht betriebsblind werden, was leicht passiert, wenn man tage- und wochenlang an derselben Sache arbeitet. Noch wichtiger ist, die nötigen Korrekturen sofort vorzunehmen, sich nicht zufrieden zu geben mit dem Ungefähren. Gelegentlich muss eine schon gut ausgearbeitete Stelle wieder heruntergeschlagen und neu angegangen werden. Die Haltung muss stimmen, aber ich kann dem Gipsmann keine Schubkarre in die Hände drücken, ich muss es immer wieder selbst mal machen, die schwere Karre schieben, die Haltung erfühlen, sie dem Gipsmann einbläuen. Erst wenn das grobe Bild stimmt, kommt die Feinarbeit, das schwierigste, der Kopf und die Hände. Hier waren die Hände das Allerschwierigste, weil die Holme der Karre in den Händen liegen mussten und zwar so, dass man sieht, er hält sie fest und sie ist schwer.

karre-modell

Gipsmodell Besenbinder mit Karrenmodell

Ich traute mich nicht recht heran, nahm mir zunächst die Karre vor. Auf dem Speicher gab es große Pappen, die ich mal aus Frankreich mitgebracht hatte. Ich schnitt aus diesen Pappen die Karrenteile aus und setzte sie zusammen, korrigierte, schnitt das ganze dann in dünnem Holz. Das Rad wollte nicht gelingen. Durch Zufall bot mir jemand ein altes echtes Karrenrad an. Solche Zufälle gibt es!  Ich hatte noch nie geschreinert, es machte Spaß, diese Karre zu bauen. Den Kopf und die Hände ließ ich weiter im unfertigen Schwebezustand, nahm mir nun die Besen vor. Eine Frau hatte mir angeboten, die Reiser dafür zu stellen. Ich schnitt sie mit ihr zusammen und band dann zwei Besen daraus, wie ich es in einem kleinen Heimatfilm gesehen hatte.

Mit diesen Besen fuhr ich zur Gießerei. Ich hatte keine Ahnung, wie das möglich sein sollte, diese Teile zu gießen. Spitz durften sie auch nicht sein, weil auf der Karre in Augenhöhe von Kindern. Es musste ein Kompro1_2miss gefunden werden. Ich behandelte die Besen nun genau so, wie die Körbe. Ließ innen Gips hineinlaufen und außen benutzte ich wieder die Bürste, um die Struktur herauszuheben. Zwei Besen dieser Art fertigte ich an, auf der Karre sollten mehrere liegen, aber man konnte die beiden mehrmals gießen und so anordnen, dass sie wie verschiedene aussehen würden.bebikopfli

Die Karre gab ich nun in eine Schreinerei, dort wurde sie aus vollem Holz nachgebaut und so sollte sie auch abgegossen werden. Allerdings wirkte sie viel zu neu. Mit einem kleinen Beil habe ich das Holz der Karre mit Kerben versehen und sie im Schnellgang altern lassen.  Nun hatte ich das genaue Maß der Holme für die Hände und machte mich an die Arbeit, immer halb gebückt, was dem Rücken nicht gut tut.  Den Kopf modellierte ich zum Schluss endgültig aus. Das ist mit Gips besonders schwierig, es lässt sich nur mit Spachteln auftragen und abschlagen oder -kratzen. Feinheiten damit zu modellieren bedarf großer Geduld und viel Übung. Für Kopf und Hände benötigte ich beinahe genau so viel Zeit wie für den ganzen Körper.

bebifertig1_21

Schließlich kam der Punkt, an dem ich aufhören und die Figur für fertig erklären musste. Ich hatte insgesamt 5 Monate damit zugebracht.  Das schöne an Auftragsarbeiten ist jedoch, dass es einen vereinbarten Zeitpunkt gibt, dann wird die Figur abgeholt und ist meinem Zugriff entzogen. Vorher müssen die Auftraggeber zustimmen. Die Gießerei brauchte einen Monat, bis alles gegossen und wieder zusammengefügt war.

Als „Blumme-Fritz“ enthüllt wurde vor viel Publikum, mit Pauken und Trompeten, bestätigten mir die Leute: „Ja, so hat er ausgesehen, so lief er daher mit seiner Karre.“ Ein schönes Gefühl, wenn die Arbeit gelungen ist. Danach entsteht eine Weile ein „leerer Raum“, nicht nur, weil das Atelier so leer wirkt ohne die tägliche Arbeit.

Besenbinder Bronze

Besenbinder mit Karre im Schnee

Advertisements

12 Kommentare on “Lebensgroße Gipsfiguren”

  1. lakritze sagt:

    Klasse!

    Ich habe bloß immer wieder auf die Bildchen geklickt, in der Hoffnung, sie würden größer.

  2. karu02 sagt:

    Ich weiß nicht, wie man das macht. Vielleicht komme ich noch drauf. Danke fürs Lesen und vergebliche Klicken.

  3. lakritze sagt:

    Hmmm, mir ist das einmal gelungen, aber ich kann es gerade auch nicht reproduzieren … Vielleicht gibt es die Möglichkeit nicht mehr? — Egal: Dein Beitrag ist auch mit kleinen Bildern toll.

  4. karu02 sagt:

    Man muss über „Galerie“ gehen, mit mehreren Bildern krieg ich das auch hin, wie im letzten Beitrag. Mit einzelnen jedoch (noch) nicht. Jetzt bin ich erst mal weg für zwei Wochen. Danach werde ich aus der Estremadura berichten.

  5. philipp1112 sagt:

    Vielen Dank an die Bildhauerin, die Dir das alles so interessant geschildert hat, und besonders vielen Dank an Dich, Karu, dass Du alles aufgeschrieben und uns zugänglich gemacht hast 🙂

  6. ottogang sagt:

    Ein großartiger Einblick in die Arbeit einer Bildhauerin, ganz toll geschrieben und wunderbare Fotos.
    Wenn du noch da bist, nicht in der Estremadura, würde ich Dir zu den Fotos gern einen Tipp geben, wie es bei mir klappt.

  7. karu02 sagt:

    Danke schön. Ja, bitte, gerne Tipps. Ich bin noch hier, muss nur noch den Koffer packen.

  8. ottogang sagt:

    Also bei mir geht das so, Beitrag aufrufen mit „Edit“, ins Bild hineingehen und draufklicken, dann erscheint die Umrandung des Fotos, dann im oberen rechten Eckpunkt am besten, wenn der Pfeil erscheint, einfach nach rechts und oben ziehen mit gedrückter Maustaste, dann erweitert sich das Bild soweit Du willst und loslassen.
    Danach die Änderung wieder speichern. Fertig. So klappt es bei mir.

    • karu02 sagt:

      Danke, darum ging es nicht. Es geht darum, die Fotos anklicken zu können, als Leser, und dann eine Vergrößerung zu sehen. So wie ich es bei den 6 kleinen Fotos im Beitrag davor gemacht habe. Mit einer Serie kann ich das, nur mit Einzelbildern weiß ich nicht, wie es geht. Wenn ich wieder Zeit habe, werde ich es herausfinden.
      Danke für Deine Bemühung.

  9. meme sagt:

    Ein Beitrage, den ich mit großer Begeisterung gelesen habe.

    Gleich anschließend habe ich einen virtuellen Atelierbesuch bei der Künstlerin gemacht und noch viele andere „wundervolle Dinge“ gefunden. Isselburg gehört noch zu meinem beruflichen Einzugsgebiet – Zeit, mal einen Abstecher dorthin und weiter an den Niederrhein zu planen.

  10. karu02 sagt:

    @meme: Ich freue mich über Deinen Kommentar und würde mich auch über einen Besuch im Atelier freuen, wenn Du mal in der Gegend bist.

  11. […] Anleitungen gibt es bei Karu: Wie werden lebensgroße Gipsfiguren gemacht? Wie funktioniert Bronzeguß? Und wem das noch zu leichtgewichtig ist, dem empfehle ich […]


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s