Fronleichnam

Wein und Brot – Blut und Fleisch

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Ich gehe gerne in Kirchen, aber nicht in Gottes-Dienste oder Messen, weil ich keinem Gott mehr dienen will und nicht erwarte, dass ich göttlich bedient werde. Folglich habe ich dort nichts verloren bzw. zu suchen. Hier war ich ungewollt und zufällig hineingeraten und fand es interessant, aufmerksam zu verfolgen, was sich abspielte, ohne in das Geschehen verfangen zu sein. Es ist lange her, dass ich zum letzten Mal einem solchen Spektakel beiwohnte, ich glaube, es war im Dom, zur Einschulung meiner Tochter in die Katholische Mädchenschule, die ich ihr schuldig zu sein glaubte, damit sie nicht durch das gottlose Elternhaus geschädigt würde. Damals zählte ich während der Messe sechsundzwanzigmal den Ausspruch „Jungfrau Maria“, wobei die Betonung eindeutig auf Jungfrau lag.

Die sonst so vernünftig und weltoffen erscheinenden Mönche des Ordens. dunkelbraun gewandet im Normalfall,  verwandelten sich in Verkleidungskünstler mit bestickten, wallenden Gewändern unter denen sie jedoch ordinäre Straßenschuhe trugen, was ich als Stilbruch empfand, wenn schon, dann sollte es  etwas Edles auch an den Füßen sein. Danach die Messdiener, auch zwei Dienerinnen, schön der Größe nach geordnet in rot und weiß – aber auch mit Straßenschuhen, nun gut, das ist für Kinder sicher in Ordnung, auch wenn mir nicht einleuchtet, warum die Füße so rigoros ausgenommen werden von der Verkleidung. Ein Aufmarsch also, voran ein langer Stab mit einem goldenen (!) Kreuz,  ein allgemeines Aufstehen und Stehen bleiben, was sich dann nach undurchschaubaren Regeln fortsetzte, aufstehen, hinsetzen, knien, wieder aufstehen. Alle scheinen zu wissen, wann was gefordert ist, mir erschloss sich die Regel nicht.

Es hatte schon vorher so komisch gerochen im Kirchenschiff.  Jetzt, nach allerlei einleitenden Formeln,  kam dieses schwenkbare Ding ins Spiel, dessen Namen mir nicht geläufig ist – was, überdimensioniert, auch in Santiago de Compostella von der Deckenkuppel hängt und durch das halbe Kirchenschiff geschaukelt werden kann – gehalten vom größten Messdiener, mit einem Löffelchen Pulver vom Pater befüllt und übernommen, wurde es qualmend herumgeschwenkt, in drei Richtungen, wobei die des Himmels nicht gemeint sein konnten, der hat ja vier, über dem Altar, dann an den Außenseiten des Altars entlang, vor dem Altar wieder in drei Richtungen oben drüber, von Verbeugungen begleitet und so weiter. Der Duft drang jetzt deutlich bis zu mir, in die für die besonderen Gäste reservierte dritte Reihe, direkt hinter den Honoratioren der Stadt und des Landes.  Ich wusste, dass es Weihrauch war, aber mir wurde trotzdem schlecht davon. Es war Stehen angesagt, ich musste mich wegen mittelschweren Schwindels setzen. Ist das Absicht? Warum wurde den anderen nicht schlecht? Gewöhnt man sich daran? Hat es noch andere Nebenwirkungen?

Unterdessen war der Pater fertig mit der Weihrauchdesinfektion des Altarraums, es wurde das Buch geküsst, aus dem er nun lesen wollte. Er las etwas in einem Singsang, was man auch  normal  hätte sprechen können. Die Gemeinde, außer mir, antwortete ebenfalls sprechgesanglich, was sich nicht gut anhörte, eher gequält. Alle wussten offenbar, was jeweils zu antworten war, sie hatten es schon oft so gemacht und es schien ihnen so gut zu gefallen, dass sie es immer wieder tun, aber davon wird es nicht besser, fand ich. Zur Abwechslung sang der Kirchenchor auf der Empore zur Orgel, das war soweit in Ordnung, hörte sich auch gut an bei der Akustik. Es ging noch eine Weile weiter mit den gymnastischen Übungen, wobei das Knien einigen alten Leuten sichtbar schwer fiel, bis sie unten waren, mussten sie schon wieder hoch.  Es folgte eine Predigt des extra angereisten Bruders,  was mit der Gründung des Klosters durch diesen Orden zu tun hatte.  Er war nicht sonderlich gut zu verstehen. Da er das meiste aus der zuvor geküssten Bibel zitierte, war es nicht weiter schlimm, das kann man ja nachlesen, wenn man will.  Der Prior des Klosters war mir lieber, er sprach wenigstens deutlich. Es ging weiter mit Gesang und Halleluja. Das Glaubensbekenntnis wird neuerdings auch sprechgesanglich verhunzt. Na gut, wenn es so leichter von den Lippen geht…Mir ging nichts von den Lippen, alles, was darin vorkommt, trifft für mich nicht mehr zu.  Der Höhepunkt wurde vorbereitet, der „kannibalische Ritus“ sozusagen, Kelch und Hostienschälchen wurden hereingetragen, wieder mit dem Duftstoff beräuchert, die Hostien, nachdem sie durch Klingeln der Messdiener zum Fleisch erklärt wurden,  in Kleine Stücke gebrochen, so kannte ich das nicht, muss die Kirche nun schon so sehr sparen oder kriegt man nur noch ein Stückchen Ohr, damit es nicht zu viel Jesus auf einmal wird,  wegen der Verdaulichkeit? Ein Stückchen Fleisch wird in den durch weiteres Glockenzeichen zum Blut erklärten Wein geworfen. Seltsam, wer soll denn das dann noch trinken, die Senioren, für die die erste Reihe reserviert war? Heutzutage haben doch alle ein Gebiss. Ich merkte dann aber, dass das Blut nur von den Patres selbst getrunken wird, die Schäfchen kriegen nichts mehr davon ab. Auch eine Sparmaßnahme? Sie müssen nun das trockene Fleisch schlucken, während der Kelch vor ihren Augen zur Neige und vorüber  geht. Er muss offenbar bis auf den letzten Rest der inzwischen aufgeweichten  Hostienpampe auf dem Grund des Kelches vom geschulten Personal geleert werden, danach wird er rundum und innendrin mit einer weißen, gestärkten Serviette gereinigt, diese wird mehrfach zusammengefaltet, bis sie in den Kelch passt, was schließlich zusammen hinausgetragen wird.

Schon wieder entsteht eine Frage, wird die Serviette mit dem „Restblut“ in die Waschmaschine gesteckt? Das Blut des Herrn in der Kanalisation?  Und kommt dann auch ein Löffelchen Weihrauch oder zwei zum Waschpulver? Gibt es eine Maßvorschrift, ein halber Teelöffel Weihrauch pro  Liter? Wie ist das mit dem Kirchenraum, wie viel Löffel pro Kubikmeter umbauten Raumes? Und wer hat das alles überhaupt erfunden, in der Bibel steht nichts davon!
Ich wurde aus meinen Überlegungen gerissen.  Noch einmal heftiges aufstehen, knien und hinsetzen, stehen und Segen entgegennehmen vom Herrn und seinem Sohn, wobei auch hier die Jungfrau nicht unerwähnt blieb, wohl aber der heilige Geist, der doch Dritter im Bunde sein sollte.  Mir war immer noch schlecht, Weihrauch und niedriger Blutdruck scheinen sich nicht zu vertragen, es zog mich unter den mehrfach erwähnten Himmel als Sitz dessen, der bestimmt für diese Aufführung weder zuständig noch verantwortlich ist, um durchatmen zu können.  Hatte nicht der viel gepriesene Sohn nur Sandalen und ein einfaches Gewand an, als er predigend durch die Wüste zog?  Mir fiel der Modeladen für Kirchengewänder in Kevelaer ein, an dem ich nie ohne Staunen vorbeigehen kann ob der ausgestellten Pracht!

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7 Kommentare on “Fronleichnam”

  1. lakritze sagt:

    Schön … ethnologisch –! 🙂

    Als Kind bin ich ja begeistert bei Fronleichnamsprozessionen mitgegangen, einfach weil’s so schön und unverständlich war. Die katholische Liturgie kann ich heute noch ganz gut …

    Und, ja, Weihrauch soll mild antidepressiv wirken. Wie Kaffee vielleicht. Ob er allerdings gut wäscht (oder ob es wohl extra Weihwasserwaschmaschinen gibt?), müßte vielleicht doch ein praktizierender Katholik aufklären.

  2. kormoranflug sagt:

    ach Du Ungläubige der Kirchen……
    der Weihrauchkessel hatte es Dir angetan, als Kind bin ich auch umgefallen bei diesem Geruch…
    der Kelch wird vor dem Auswischen mit weiterem Wasser (das sich nicht verwandelt) gereinigt, das der Ministrant nach Zeichen des Pfarrers eingiest und er zusätzlich ausdrinken muss

  3. karu02 sagt:

    Sollte ich da etwas übersehen haben, ich habe doch so gut aufgepasst. Also keine Weihwasserwaschmaschine. Schade. Ist so eine tolle Wortschöpfung von Lakritze. Wie heißt er denn nun, dieser Kessel, Du scheinst Dich auszukennen?

  4. philipp1112 sagt:

    ……….übrigens gibt es bei Morbus Crohn Patienten, das sind die mit einer üblen, in den wenigsten Fällen heilbaren entzündlichen Darmerkrankung, eine Ernährungstherapie, in der Weihrauch eine Rolle spielt. Für mich eine fragwürdige Therapie, aber sie soll wohl schon geholfen haben. Nicht nur ministrantös und als Antidepressivum wirkend, so ein Weihrauch.

  5. vilmoskörte sagt:

    Schöne Beschreibung der Zeremonie. Ethnologisch eben, wie Lakritze so passend anmerkte. Noch besser ist es, wenn sie gleich ganz auf Latein abgehalten wird, dann braucht man noch nicht mal versuchen, etwas zu verstehe.

  6. hyke sagt:

    Gefällt mir!
    Ich reagiere übrigens höchst allergisch auf Weihrauch, muss niesen, husten und die Augen brennen.
    Ob ich wohl deshalb Protestantin bin? 🙂

  7. karu02 sagt:

    Vom Urspruch her Protestantin und bis zu meiner Heirat praktizierende, weiß ich, dass Duftstoffe in Kirchen nicht zwingend notwendig sind. Ich hätte aber auch nichts gegen einen Lindenduft z.B., wenn er von einer echten Linde stammte und nicht aus dem Labor. Warum aber dieses Zeug, von dem ich nur immer höre, es wird nicht vertragen, verursacht Allergien, Ohnmachten, Schwindelanfälle, Husten, Triefaugen. Ich meine, wer hat sich das ausgedacht und warum?


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