Wäschestücke

Die Wäsche anderer Leute

Nach der Änderung des Scheidungsrechts muss vor Gericht keine schmutzige Wäsche mehr gewaschen werden, das hat sich für prominente oder vermeintlich prominente  Mitbürger in die Boulevard-Presse verlagert. Das muss ich nicht lesen, wenn ich nicht will. Normalerweise halten Menschen ihre schmutzige Wäsche gut bedeckt, verstauen sie in eigens dafür gefertigte Truhen, Kinder lassen sie gerne unter dem Bett verschwinden.  Auf Hotelfluren sieht man sie gelegentlich, morgens gegen elfuhrdreißig,  richtig schmutzig ist sie dort jedoch selten.

Portugal_PortoViana_58

Waschhaus in Portugal

Mit sauberer Wäsche werde ich aber auch kaum noch konfrontiert. Es gibt Wäschetrockner mit Abluft oder Kondensat. Da  ist die saubere Wäsche höchstens noch zu riechen, wenn man nah genug an die Hausmauer herankommt, zu sehen ist nichts. Da es inzwischen auch Einmal-Slips in Drogeriemärkten zu kaufen gibt, hat sich der Wäscheberg vielleicht auch in die Mülleimer verlagert.

PICT0012

Waschtag am Niederrhein

Früher, als allerorts noch die nasse Wäsche auf Leinen vor oder hinter den Häusern hing, notfalls auf den Balkonen, hat sie mich nicht sonderlich interessiert. In der Siedlung, in der ich aufwuchs, wusste man, wer wann die Waschwoche hatte und wie das aussehen würde, was dann auf die Leine käme. Es war ganz selbstverständlich bekannt, welche Männer schon im frühen Herbst lange Unterhosen trugen, wie die Körbchengröße der dazugehörigen Gattin bemessen war, wer die Bettwäsche stopfen musste und wo es fadenscheinig zuging. Alles hing gut sichtbar für die Nachbarn auf der Wiese vor den Küchenfenstern der Siedlung.

PICT0053_2

An der Dorfstraße in Spanien

In Italien hängt sie immer noch zwischen Küchenfenstern, an Drähten, die von einem zum anderen gespannt sind und sich einholen lassen.  Ich kann nicht anders, als dann entzückt die Kamera zu zücken und das bunte Geflatter in den Gassen festzuhalten.

PICT0034

Im Städtchen Pinochet

PICT0003

Am Castello in Lissabon

 

 

Hierzulande sehe ich weder Betten zum Lüften in Fenstern liegen noch Wäschestücke auf Leinen flattern. Nur noch ganz selten einmal. Und weil es so selten ist, interessiert es mich nun. Die Wäsche mehr, als alles Wäschelose an Stränden oder in Kiosk-Auslagen.  Früher war es mir nicht bewusst, wie viel ein Mensch von sich preisgibt, wenn er seine Wäsche in den Wind und damit in die Öffentlichkeit hängt. Es belebt den Garten mit Informationen über die Besitzer.  Gelegentlich erscheint es mir sogar mutig, Wäschestücke so  zu präsentieren, während Unterwäsche sonst in der Öffentlichkeit eher zu einer der letzten Tabu-Zonen gehört, wenn man von der durchscheinenden oder hervor blitzenden Reizwäsche bzw. den gerne in Vorgärten getragenen, verschwitzten Schießer-Doppelripp-Unterhemden  absieht.

Douarnenez_48

In Douarnenez Fr

Warum nun die Federbetten nicht mehr öffentlich gelüftet werden, habe ich noch nicht herausgefunden. Die sind viel weniger verfänglich, man sieht ihnen nicht an, was darin und darunter sich abspielte letzte Nacht. Oder gibt’s jetzt auch schon Einmal-Bettdecken?

DSC00492

Wäsche im Wehrgang

Hier noch ein Nachtrag: Das ist die romantischste Wäscheleine, die ich bisher vor die Kamera bekam. Wie könnte man einen Wehrgang besser nutzen als zum geschützten Trocknen sauberer Wäsche! So viel Frieden war selten in diesem Land.

Advertisements

30 Kommentare on “Wäschestücke”

  1. lakritze sagt:

    Das mag ich!
    Weißer-Riese-verdächtig: die niederrheinischen Bollerbüxen.

  2. vilmoskörte sagt:

    Ja, wir sind ein ordentliches Völkchen 😉 Man merkt, dass die Preußen hier einst das Sagen hatten.

  3. donqyxote sagt:

    Wer verbietet Federbettenlüften ?

    Wie immer wunderschöne Fotos, Karu, Kompliment !

    Die gelbe Hose erinnert mich an den iranischen Film “ Das Haus meines Freundes“, kennt ihr den ?

    • karu02 sagt:

      Danke Dir.
      Ich weiß nicht, ob das Bettenlüften verboten ist. Es wird nur nicht mehr gemacht und ich frage mich wieso. Vielleicht habe ich einen Gesetzeserlass nicht mitbekommen.
      Nein, den Film kenne ich nicht. Lief er in den Kinos?

  4. philipp1112 sagt:

    Ich wußte gar nicht, dass man am Niederrhein nur 4x im Jahr wäscht – so sieht es jedenfalls aus. Lesen bei Karu bildet.

    Das ist wieder ein toller Beitrag – vom Scheidungsrecht die Kurve zu Wäsche und Waschkultur in Europa. Super!

  5. hyke sagt:

    Das ist ja eine tolle Idee, über Wäsche zu schreiben. Der Wäschetrockner sorgt ja mehr und mehr dafür, dass diese Bilder seltener werden. Mein Favourite ist das Bild mit den sanischen Brustwärmern. 🙂

  6. karu02 sagt:

    Ich freue mich über Eure Kommentare, weiß allerdings nie, ob meine Antwort auf diesem Weg auch jemanden erreicht. Vielleicht kann mich ein Wissender, eine Wissende mal darüber aufklären.

    • lakritze sagt:

      Meistens schau ich unter »Mein Konto« -> »Meine Kommentare« nach, ob sich irgendwo was getan hat. Wenn es nicht allzuviel ist und die Liste überläuft, kriege ich eigentlich alle Antworten mit.

  7. karu02 sagt:

    Danke lakritze für den Hinweis.
    Noch was zu den Bollerbüxen – den Ausdruck kannte ich noch nicht, passt wunderbar: Gespräch zweier Nachbarinnen: „Ich habe für meinen Mann jetzt die graue Unterwäsche gekauft, die muss ich nicht so oft waschen.“ „Gute Idee, gibts die im Angebot?“

  8. philipp1112 sagt:

    Richtig gezählt, Lakritze.
    Die Rechnung mag zwar heute ein Naserümpfen hervorrufen. Meines Wissens war vor 60 Jahren zumindest in „einfachen“ Gesellschaftskreisen oder so richtig auf dem Lande die daraus berechnete Tragedauer von einer Woche nicht ungewöhnlich.

  9. karu02 sagt:

    Als ich klein war, wurde alle 6 Wochen gewaschen, zwei Tage lang, dazu kam meine Oma um zu helfen. Wir hatten einen viertürigen Kleiderschrank für 4 Personen, da passte alles rein. Folglich kann es gar nicht viel öfter zu einem Wäschewechsel gekommen sein. Wir waren übrigens ausgesprochen gesunde Kinder, bis heute ohne Allergien! ;-)Es wurde auch nur einmal in der Woche gebadet, hintereinander in einer Zinkwanne in der Küche. Das ist ca. 50 Jahre her und mitten im Ruhrgebiet so üblich gewesen.

    @Lakritze: Grau färbt er selten. 🙂

  10. philipp1112 sagt:

    1x baden am Samstag in der Küche – hintereinander -, genau so war es bei uns (Dorf bei Braunschweig) auch. Und die Wäsche wurde im Kessel in der Waschküche gewaschen, die sich einmal im Jahr beim Schlachtefest in eine Metzgerei und die Wurstküche verwandelte – mit Wurstkochen im Waschkessel.

  11. lakritze sagt:

    Diese Badesitten kenne ich auch noch. Öfter als einmal in der Woche mochte man den Bullerofen im (angebauten) Bad auch gar nicht anwerfen. Daß man schief angeschaut wird, wenn man sich z.B. unrasierten Beins auf der Straße zeigt, muß etwa zusammen mit Abschaffung des Großwaschtages entstanden sein …

    Jedenfalls: Miele, Bosch und Bauknecht sei Dank, daß zum Waschtag keine Verstärkung mehr anrücken muß!

  12. kormoranflug sagt:

    Kormorane tragen nur schwarze Wäsche, da verfärbt nichts in der Maschine.

  13. oachkatz sagt:

    Ich zähle die Waschmaschine schon zu den größten technischen Errungenschaften – handzuwaschende Kleidungsstücke üebrleben bei mir leider nicht sehr lange. Toller Beitrag!

  14. karu02 sagt:

    Danke für Eure netten Kommentare und die interessanten Details zu Wasch- und Badesitten. Ich habe noch ein Foto hinzugefügt, weil ich den Zusammenhang von Wäsche und Wehrgang bemerkenswert fand.

  15. donqyxote sagt:

    Ja, aber das liegt schon 20 jahre zurück.
    Wenn ich mich recht erinnere, der erste Teil einer Trilogie von Abbas Kiarostami.

    Dann kam : Das Leben geht weiter, ein Film im Film, in dem er die Hauptdarsteller des ersten Films im (echten) Erdbebengebiet sucht.
    Da gibt es eine Liebesszene, die ist der Wahnsinn.
    Die Fortsetzung ist „Quer durch den olivenhain“.

  16. Afra Evenaar sagt:

    Was für ein schöner Blick in die Sitten!

  17. april sagt:

    Herrliche Fotos mit köstlichen Bemerkungen dazu. Ja, Wäsche draußen und öffentlich, das ist faszinierend, sagt es doch so dies oder jenes über den Besitzer aus. (Lakritze hat mich auf dein Blog aufmerksam gemacht, weil ich in Venedig auch Wäsche fotografiert hatte). Es hat wohl etwas Voyeuristisches 😉

  18. lakritze sagt:

    Liebe Karu, nachdem ich nun zum x-ten Male auf verschlungenen Pfaden wieder zu diesem Artikel gefunden habe: Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann wäre es das »Suchen«-Widget in Deiner Seitenleiste rechts. Dann müßte ich nur »Wäsche« eingeben und wäre schon da … 🙂

  19. […] Karu und April gibt es Wäsche aus aller Welt zu […]

  20. karu02 sagt:

    Habe ich sofort erledigt, liebe Lakritze. Danke für den Hinweis, ist auch für mich praktisch, es ist inzwischen doch eine Menge an Beiträgen, ich bin nur wieder einmal selbst nicht darauf gekommen.

  21. […] über die Waschkulturen hier. Veröffentlicht in Fundstücke | Getaggt mit Schiff, […]

  22. zier sagt:

    Betten Lüften ist ok und sollte Fon Allen getan werden


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s