Skateranlage Duisburg-Hochfeld

Platz für die Jugend

Flächen zum „Abhängen“, wie es heute heißt, gibt es genug in allen Städten des Ruhrgebiets, Flächen zum Austoben leider nicht. Wir haben der Jugend die Räume beschnitten, immer mehr, bis fast nichts mehr übrig blieb, gerade noch so viel, um herumzuhängen, was nicht viel Platz benötigt.

Ich komme aus Duisburg, bin in einer Bergarbeitersiedlung aufgewachsen, wo es genug Platz auf der Straße, im Park und hinter den Häusern gab. Wir gingen am Nachmittag nach draußen und kamen am Abend müde und hungrig wieder ins Haus. Niemand musste uns irgendwo hin fahren oder vielmehr bringen, die Mütter waren noch nicht motorisiert, die Väter schoben 12-Stunden-Schichten, wir spielten einfach so, trafen uns draußen ohne spezielle Verabredung.

 

 

 

 

 

 

Mit meinen Kindern wollte ich dann später nicht mehr in der Stadt wohnen, da war der Lebensraum für Kinder schon stark eingegrenzt, in erster Linie durch Autos. Die Straßen konnten nicht mehr bespielt werden. Auf dem Lande in den kleinen Gemeinden war noch Platz für die Kinder, in den 70er und 80er Jahren. Dann wurden dort die ortsinneren Baulücken geschlossen, das wilde Gestrüpp und die Pfützen zwischen den mit pflegeleichten Kriechgewächsen ausgestatteten Gärten verschwand.

 

Die Mütter fingen an, ihre Kinder herumzufahren, zu Sportvereinen und Musikschulen, zu Schwimmhallen und Ballettschulen. Zum Spielen mussten die Kinder sich verabreden, einen Termin ausmachen, in den Städten und in den Dörfern auf dem Land, wobei im Ländlichen Bereich immer noch ein bisschen mehr Freiraum blieb. Die Kinder in den Städten haben mir leid getan.

Nun war ich neulich in Hochfeld, einem Stadtteil mit nicht allzu gutem Ruf, ähnlich wie Bruckhausen oder Untermeiderich. Dort bestimmte viele Jahrzehnte die Industrie das Stadtbild. Die Industrie verschwand stellenweise und zurück blieben Industriebrachen, wie überall im Ruhrgebiet.

Was in Hochfeld aus der Brache am Rhein entlang gemacht wurde, hätte ich den Stadtvätern und -müttern nie zugetraut. Beim Hineingehen in das Parkgelände sind noch Reste von Industriehallen zu sehen, neben Betrieben, in denen nach wie vor gearbeitet wird. Trotzdem ist die Verwandlung enorm. Es wurden ausgedehnte Grünflächen angelegt, die Bäume abgezirkelt in Reih und Glied gepflanzt, was bedenklich erscheinen mag, aber vielleicht einen Ordnungsfaktor hat. Eine ordentliche Umgebung wird auch ordentlich behandelt. Daneben stehen die phantasievoll von Sprayern im offiziellen Auftrag bemalten, übrig gebliebenen Hallenwände, die Herr Kraska schon so eindrucksvoll beschrieb.

Was mir neben der Malerei und dem Strand am Rheinufer am meisten imponierte war die Skateranlage die schönste, die ich bisher sah. Das Wetter war gut und es tummelten sich etwa 40 Jugendliche auf dem funktionsgerecht angelegten Gelände zwischen den bemalten Wänden, mit Skatboards, Fahrrädern, Rollern.

Viele von ihnen beherrschten ihre rollenden Geräte mit artistischer Sicherheit, auch wenn mir als „Muttertier“ der Atem stockt bei den waghalsigen Sprüngen und Drehungen. Es macht trotzdem Freude zuzuschauen und ganz offensichtlich haben die Kinder und Heranwachsenden Freude an ihrem Tun. Sie gingen sogar rücksichtsvoll miteinander um, hier herrschen ungeschriebene Regeln, die beachtet werden. Auch im Park gelten Regeln, auf deren Einhaltung geachtet wird. So sah ich einen „Wach-Mann“, der einem Jungendlichen klar machte, dass er sein Moped stehen lassen und durch den Park zu Fuß gehen muss. Das wurde geduldig aber unmissverständlich erklärt und es funktionierte.

Warum, frage ich mich, gibt es solche Anlagen nicht in jedem Stadtteil, leicht zu erreichen für die Jugendlichen? Gleich nebenan einen Platz zum Drachensteigenlassen, phantasievolle Spielplätze für die Kleinen. Würde den Kindern nur ein Bruchteil des Platzes eingeräumt, den Autos einnehmen in unseren Städten, ober- und unterirdisch, dann  bedürfte es vielleicht keiner Erzeugungsprämien mehr, keiner Ruhigstellungsmedikamente und keiner Erhöhung der Jungendstrafen.

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3 Kommentare on “Skateranlage Duisburg-Hochfeld”

  1. vilmoskörte sagt:

    Wir spielten früher in den Ruinen des Zweiten Weltkriegs („Bomben suchen“ war sehr beliebt, nachdem die Eltern vor den Gefahren der aus dem Krieg übriggebliebenen Sprengkörper gewarnt hatten), heute spielt man in den Ruinen der untergehenden Industrieperiode. Schöner Bericht, danke.

  2. lakritze sagt:

    Hach, das Schlammbad — das weckt Erinnerungen. Auch die an Fünftkläßler, die sich bei der Klassenfahrt beharrlich weigerten, barfuß ins »dreckige« Watt zu gehen — die Einschränkung der Bewegungsfreiheit verändert eben auch die Kinder.

    Schöner Artikel, und sehr wahr.

    Vilmos, das habe ich schon einmal gehört, von eimem Nachkriegskind aus Berlin: Die Stadt sei damals ein einziger Abenteuerspielplatz für eine Horde wilder Kinder gewesen … Er hat dieser Zeit richtig hinterhergetrauert.


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