Vogelparadies

Helle Nächte, graue Tage

Beinahe ist es draußen nachts heller als am Tag. Eine große helle Kugel hängt in den nackten Zweigen, so dass ich die Taschenlampe im Haus lassen kann bei der abendlichen Hunderunde.

Wenn tagsüber dieser graue Schleier über allem hängt, retten nur die Vögel meine Stimmung vor dem Absturz. Sie bekommen die Walnüsse zweiter Wahl schon fertig zertreten serviert. Die Scheiben der Fenster reichen bis zum Boden und ich kann ihnen zuschauen beim Aufpicken und Einsammeln, beim Suchen und Verteidigen.

Die Amseln sind am gründlichsten, sie schütteln jede Schale so lange, bis der letzte Krümel herausgefallen ist. Das Rotkehlchen hält sich klug in der Nähe auf, weil die Krümel auch fliegen und ihm direkt vor die Füßchen. Das Rotkehlchen ist am wenigsten scheu, fliegt nicht mal weg, wenn ich mit der Kamera nach draußen komme, nur gerade außer Reichweite. Von dort beäugt es mein Tun, auf neue Nüsse hoffend.
Die Buchfinken kommen immer nur zu zweit, sich gegenseitig auf die guten Stückchen aufmerksam machend, aber auch doppelt wählerisch und wachsam. Sie scheuchen das Rotkehlchen jeweils beiseite, schließlich sind sie ein bisschen größer.

Sehr gierig sind die Elstern, aber schimmernd schön auch scheu. Sie nehmen die kleinste Bewegung hinter der Scheibe wahr, stopfen sich schnell noch ein paar dicke Stücke in den Schnabel und fliegen ins Geäst. Es dauert keine viertel Stunde bis nur noch die leeren Schalen dort liegen. Dann lugt schon wieder das Rotkehlchen vom Bärenrücken zur Terrassentür, ob bald Nachschub kommt.

Am häufigsten tummeln sich die Blau- und die Kohlmeisen zwischen den Nussschalen. Sie schaffen es, soweit ich weiß, als einzige der kleinen Vögel, die Walnüsse selbst zu knacken, indem sie mit einem Füßchen die Nuss festhalten, dann die Schnabelspitze in die Nahtstelle der Nuss hacken, die Nuss hochheben und so lange auf die Steine schlagen, bis sie platzen. Für ein so leichtes Vögelchen bei einer so schweren Nuss eine enorme Leistung.

Bei den Krähen habe ich beobachtet, wie sie die Nüsse im Schnabel hoch gen Himmel tragen und auf Asphaltwege oder Straßen fallen lassen, so machen sie es auch mit den Muscheln aus dem Rhein.

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13 Kommentare on “Vogelparadies”

  1. philipp1112 sagt:

    Großartige Beobachtung des Federviehs in deinem Garten. Ich freue mich über meinen Eichelhäher. Im letzten Jahr ist er immer gegen mein hängendes, sehr bewegliches Futterhäuschen geflogen und hat dadurch die Erdnußkerne rausgeworfen und dann vom Boden aufgesucht. Heuer klammert er sich dran – wie ein kleines Meisli – , pickt eine Erdnuß und fliegt dann wieder weg.

    • karu02 sagt:

      Es ist erstaunlich, wie lernfähig die Vögel sind. Ein Eichelhäher kommt nur gelegentlich hierher, aber nie nahe genug, er ist sehr scheu.

  2. lakritze sagt:

    Mitten in der Stadt haben wir zwar überraschend viele Vogelarten, aber ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal ein Rotkehlchen gesehen habe.

    Der Bär erinnert mich sehr an einen, der in Freising vor der Sparkasse steht. Das ist er aber nicht, oder?

    • karu02 sagt:

      Hier draußen gibt es ziemlich viele Rotkehlchen, in unserem Garten wohnen zwei, die sich abwechseln, mich mit ihren neugierigen Knopfäuglein zu erfreuen. Ich konnte sie lange nicht unterscheiden, eines von beiden hat einen helleren Fleck im Rot des Gefieders.
      Der Bär ist von mir, in einer für mich sehr schweren Zeit aus einem Stein gehauen, in dem er schon drinsteckte. Ich musste ihn nur befreien.
      Die Vögel mögen ihn.

  3. kormoranflug sagt:

    Ich wünsche Dir viele Himmelsvögel. Du musst mit Ihnen sprechen!

    • karu02 sagt:

      Was denkst Du, lieber Kormoran, was ich den ganzen Tag mache? 🙂
      Nur mit den Kormoranen spreche ich nicht, sie sind zu weit oben oder zu weit weg. Sie lassen mich einfach nicht an sich heran. Nicht mal zum fotografieren. Trotzdem habe ich ein paar schöne Fotos gemacht, aus respektvoller Entfernung, die werde ich demnächst mal extra für Dich in einen Bericht verpacken und hier einstellen. Sonst sieht sie ja niemand.

  4. kormoranflug sagt:

    Du könntest die Kormorane mit einem kleinen Fischweiher anlocken. Aber meistens kommen dann die frechen Graureiher und picken in den Teich.

  5. 6kraska6 sagt:

    Ich muß ein Wort für meine Klienten einlegen. „Meine“ Elstern zeigen nie Gier, sondern speisen manierlich und bescheiden. Und wenn es mal blutige Hähnchenleber gab, wischen sie sich sogar hinterher den Schnabel mit einer Herbstlaub-Serviette ab…

    • karu02 sagt:

      Ich habe zum Beweis noch ein Foto hinzugefügt, würde ich doch keinen Vogel der Gier bezichtigen ohne vorherige eingehende Beobachtung. So, wie die Elster auf dem letzten Foto zu sehen ist, machen es alle Elstern, sie stürzen sich herunter, packen die Schnäbel so voll, dass sie beim Auffliegen die Hälfte verlieren und schleppen weg, was sie können. Immer hastig und in Eile.
      Vielleicht gibt es ein Stadt/Landgefälle und die Elsternsitten sind in den Städten verstädtert. Bei mir bekommen sie allerdings auch nie Hähnchenleber…

      • lakritze sagt:

        Ich kann mir gut vorstellen, daß Innereien von Speisevögeln eine disziplinierende Wirkung auf die freifliegenden Kollegen haben.

  6. philipp1112 sagt:

    Lakritzes Vorstellung stelle ich mir gerade vor. Dabei kommt mir in den Sinn: Wenn wir diese Vorstellung auf unser Umfeld übertragen, kann ich keine disziplinerende Wirkung feststellen, wenn die einen von uns Scheinefleisch essen, andere etwas vom Ochsen, von der Wirkung beim Gansessen ganz zu schweigen!

  7. 6kraska6 sagt:

    Nein, wirklich; „Meine“ Elstern sind wirklich auffallend manierlich! Sie würden auch den Schnabel nicht so voll nehmen. Sie kommen, sichten das Angebot, hüpfen und knicksen erst ein Weilchen herum, als ob sie sich zierten; dann wird ein Schnäbelchen gepickt, mit dem Gepickten beiseite gehüpft, um es auf dem Dachrand zierlich & zivilisiert zu verspeisen. Dann fliegt man zumeist erstmal ne Verdauungsrunde und überläßt den Kollegen den Platz, bis man wieder dran ist. Im Sturzflug herunter sausen und gleich ganze Brocken wegschleppen, das machen bei mir nur die Aaskrähen. Das sind Rabauken!

    • karu02 sagt:

      Wahrscheinliche mögen sie die haute cuisine der städtischen Speisekarten nicht so gerne und der Städter hält es dann für gutes Benehmen. Bei der Nahrungsbeschaffung in den Nestern der Artgenossen sind sie nämlich keineswegs zierlich oder zögerlich. Könnten sie Qype-Bewertungen schreiben, würden sie sicher den Landgasthöfen 5 Sterne geben. Besonders gerne klauben sie übrigens noch Verwertbares aus den Hinterlassenschaften unseres Hundes heraus. Vielleicht versuchst Du es mal damit…? 🙂 Ich könnte Dir was einfrieren.


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