Kreuzgang

Nachmittag im Kreuzgang oder Zwiegespräch mit einem Heiligen

Nur die Gutverdiener unter den Künstlern haben für alles ihre Leute. Sie müssen nicht mal die Kunst selber machen. Es werden Anweisungen gegeben an die Handwerker und alles wird nach Wunsch erstellt. Ein Künstler, der etwas auf sich hält, arbeitet nicht mehr an seinem Werk, er lässt werken, einige legen sogar Wert darauf, dass sie vom Material überhaupt nichts verstehen.  Und nicht nur das, er lässt auch alles andere für sich ein- und ausrichten. Galeristen übernehmen die Vermarktung, Pressereferenten die Pressearbeit, Talkshow-Master die Publicitie. Es läuft dann alles wie von selbst, der Künstler oder etwas seltener die Künstlerin muss nur noch zu den vereinbaren Terminen erscheinen, wobei Verni- und Finnisagen nicht mal die wichtigsten sind.

Ein paar Stufen tiefer müssen die Künstler ihre Arbeiten sogar selbst bewachen bei Ausstellungen, für die sie weder Honorar noch Aufwandentschädigungen bekommen. Sie freuen sich über die Ehre z.B. in einem Klosterkreuzgang ausstellen zu dürfen. Man teilt die Arbeit untereinander  auf. Gestern war ich dran. Um 14 Uhr betrat ich pünktlich die Kapelle, die Tür zum Kreuzgang wurde geöffnet. Bis 18 Uhr sollte es dauern. Von draußen, sprich aus 5 Gard minus kommend, erschien es mir zunächst gar nicht so kalt. Gegen 17 Uhr war ich durchgefroren, obwohl ich dicke Skisocken bis zum Knie unter der warmen Kordhose trug, Strickjacke unter dem Mantel, Schal um den Hals. Alle die von draußen hereinkamen, freuten sich, meine blauen Lippen ignorierend, dass es so schön warm war hier drinnen. Zum Glück kamen genug Besucher, das lenkte etwas ab. Wenn niemand da war, versuchte ich es mit Heiligenbeschwörung. Ich nahm gleich den vor, der die ganze Zeit mit wie zum Schlag erhobenen Kreuz auf einem Sockel über mir stand, mit kessem Hüftschwung und leicht gespreiztem kleinen Finger. Zuerst versuchte ich es mit Bitten und im Guten: „Bitte, lieber Heiliger, mach dass mir etwas wärmer wird und vielleicht könntest Du auch dafür sorgen, dass ich keine Blasenentzündung bekomme. Nur den Boden ein klein wenig aufheizen. Vielleicht hast Du Einfluss auf die Bande ganz unten, die brauchen dort nur ein paar Scheite mehr auf ihr Höllenfeuer zu legen…“ Der Heilige hielt weiter stumm das Kreuz in der Schwebe.
Es kamen Besucher, denen ich gleich ansah, sie würden anfassen, überall. Es ist schwierig, die Leute davon abzuhalten. Manches verträgt es ja, aber anderes eben nicht. Mir taten die Museumswärter plötzlich leid. Sie erkennen in mir auch immer gleich die Anfasserin und dürfen mich dann nicht mehr aus den Augen lassen. Gleich danach lärmte eine Wandergruppe herein,  unerschrockene Menschen mit Rucksäcken, die sich nicht nur  der eiskalten Natur draußen in stundenlangen Fußmärschen aussetzen, sonder auch den Ansprüchen dieser Ausstellung im Inneren des Kreuzgangs. Zum Glück teilte sich die Gruppe, die Hälfte ging zuerst nach oben um die bemalten Zellen zu bestaunen. Die Hälfte waren immer noch viele und jetzt weiß ich endlich auch, warum in Museen  so penetrant darauf geachtet wird, dass die Rucksäcke in der Hand getragen werden. Im Kreuzgang stehen ein paar filigrane, in mühsamer stundenlanger Handarbeit erstellte Dinge.  Ein Drehung mit der Schulter und dem Rucksack, so eng wie es dort ist, und es würde großen Ärger geben. Mir wurde durch das dauernde zusammenzucken  zwar etwas wärmer, aber ich war doch erleichtert, als die Rucksackträger draußen waren. Schlagartig kroch die Kälte wieder an mir hoch.
Ich schaute nach oben, dort tat sich nichts. Ich versuchte es mit drohen: „Wenn hier nicht bald ein paar Grad zugelegt werden, gehe ich nach nebenan und sammle alle Kerzen ein, die ich finde. Die zünde ich an und wärme mir wenigstens die Hände daran.  Außerdem beschwere ich mich in dem ausliegenden Buch, in dem Wünsche und Danksagungen an den lieben Gott eingetragen werden. Ich schreibe die erste Beschwerde hinein. Heilige sollten nicht untätig herumstehen, wenn sie ein Menschlein leiden sehen.“
Wenn ich den Herrn im langen, faltenreichen Gewand lange genug fixierte, kam es mir vor, als gerieten seine Hüften noch mehr in Bewegung. Wärmer wurde es dadurch nicht.
Gegen 17.30 Uhr wurde ich langsam steif überall. Es erschien noch eine Journalistin eines Kirchenblattes, die den Auftrag hatte, die Ausstellung zum Aufhänger zu machen für einen Artikel über das Fasten. Sie lief verzweifelt herum und fand in keinem der Exponate ein Brot, worauf sie offenbar gehofft hatte, weil das Wort  ja im Text des Ausstellungsmottos enthalten war. Ohne Brot konnte sie keine Brücke bauen zum Fasten. Sie tat mir leid und anders, als der Herr über mir, helfe ich gerne, wenn es vonnöten ist. Ich bot ihr das Bild an, auf dem immerhin Mehl zu sehen war und da ihr das immer noch nicht zum zündenden Funken verhalf, bekan sie eine astreine Brücke von mir gebaut, obwohl ich kein Fan vom Fasten bin. So, das war eine gute Tat, die ich frierend vollbrachte. Niemand wird mich dafür auf einen Sockel heben. Ich warf keinen einzigen Blick mehr nach oben. Ich hatte es ihm gezeigt, sollte er sehen, wie er damit fertig wird.
Ich war dann auch fertig und ging ins nächste Café, um mich aufzuwärmen. Weil das Gerede übers Fasten mich außerdem hungrig gemacht hatte, genehmigte ich mir ein schönes Stück Himbeertorte.

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2 Kommentare on “Kreuzgang”

  1. lakritze sagt:

    Ich will dem Heiligen, den Du da beauftragt hast, nicht zu nahe treten — ich habe keine Ahnung, wer er ist –, aber der Richtige für den Job wäre der Hl. Sebald gewesen. Der konnte sogar mit Eiszapfen und Schneebällen einheizen, wie man hört.

  2. karu02 sagt:

    Du scheinst Dich auszukennen. Mein Auswahl im Kreuzgang war jedoch begrenzt. Praktisch wäre ein Hl. Sebald zum mitnehmen. Ich weiß nicht, ob Heilige sich in Kreuzgänge einladen lassen und wohin die Einladung zu senden wäre. Gelegentlich wäre ich lieber katholisch gewesen statt protestantisch erzogen. Da die Zuständigkeiten unter den Heiligen so gut und effektiv aufgeteilt sind, gibt es sicher für alle bedrängten Lebenslagen eine/einen Richtige/n.


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