Jüdischer Friedhof Alpen

Ein eisengefasstes hölzernes Schild weist an der Menzelener Straße, nach den letzten Häusern der Siedlung in Alpen, da wo das freie Feld beginnt, auf den Jüdischen Friedhof hin. Ein schmaler Wiesenweg führt zu einem kleinen Hügel, den eine Hecke säumt. Auch hier wieder ein Schild mit einer Menora und zwei Davidsternen über dem Wort Friedhof.

Ein schönes, bronzenes Tor steht einladend halb offen. Ich trete ein und ließ die Atmosphäre eine Weile auf mich wirken. Es ist still, aber nicht totenstill, die Pappeln ringsum wispern, die Amseln singen ihre variantenreichen Lieder, aber die Betriebsamkeit des Städtchens, der Autolärm und jede Hektik sind verschwunden.

Der Friedhof wirkt wie ein kleiner Park mit seinen alten, hohen Baumkronen, die überall das Licht durchlassen. Die 56 alten, verwitterten Grabsteine ziehen den Blick auf sich, weil sie ihre Farben an die Umgebung angepasst haben und sich durch die Ausrichtung nach Osten mit einer Schauseite dem Betrachter zeigen. Es liegen nur vereinzelt kleine Steine auf den großen Steinen. Als letzter wurde Samuel Meyer aus Alpen1939  hier bestattet. Die Grabsteine sind in unterschiedlichem Zustand, auf einigen ist die Schrift nicht mehr zu erkennen, andere weisen noch immer deutlich hebräische Schriftzeichen auf.  Es hat hier wohl auch Zerstörungen und Diebstahl gegeben.

Der erste Jude in Alpen war David Abraham, er zog nachweislich 1714 hierher und ihm folgten andere, bis es 1824 dreiundfünfzig  jüdische Bürger waren, die überwiegend als Händler und Metzger tätig waren, was ich dem Alpen-Lexikon von Dieter Schauenberg entnehmen kann. Die jüdische Gemeinde hatte eine Religionsschule und Synagoge und ab 1900 waren die Juden in Alpen den Christen gleichgestellt. 1945 gab es keine Juden mehr in Alpen. In der Nazizeit wurden 13 Menschen deportiert und ermordet, 19 emigrierten, eine Person „kam um“ (ohne nähere Erklärung) und nur 5 verstarben auf “normale” Art und Weise.

Jedem einzelnen der Kinder, Enkel und Urenkel der hier und anderswo beerdigten jüdischen Menschen hätte ebenfalls ein Grabstein zugestanden. Ich stelle es mir  vor, wenn ich einen jüdischen Friedhof besuche, 6 Millionen Grabsteine mit Namen und Daten, wie bei Jakob Oster. Ich weiß nicht, ob an solchen Stätten eine ebenso friedvolle Atmosphäre herrschte wie  hier auf diesem Hügel, denn auch hier kann ich nicht sein, ohne mit Grauen daran zu denken, was mit den Menschen geschah, die Nachkommen dieser Toten sind.

Hinter der Hecke, die den Totenacker umgibt, bestelltes Ackerland, ein weiter Blick, weiße Wolken am Sommerhimmel, so als gäbe es nichts Böses auf der Welt.

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3 Kommentare on “Jüdischer Friedhof Alpen”

  1. Uffnik sagt:

    Friedvoll ist es durchaus was Du hier aufzeigst. Hier endet des Menschen Werdegang.
    Ganz anders mein Empfinden in der Gedenkstätte Buchenwald.

    Wenn Du gestattest: http://uffniksfluchten.wordpress.com/2010/02/15/buchenwald-glockenturm-und-gedenkstatte/

  2. kormoranflug sagt:

    Ein schönes Tor in den ruhigen Friedhof.

  3. Chris sagt:

    starke Bilder! der ist ja nur eine gute halbe stunde von mir entfernt. werde ich mal jetzt im November hinfahren und ein wenig filmen. mit Nebel und Sonnenaufgang. das wird schön :)


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