Der alte Mann und das Auto

Er trat aus dem Haus und zog die Tür ein wenig lauter als notwendig hinter sich zu, stapfte  unsicheren Schrittes mit seinem Stock durch den restlichen Schnee zur Garage, öffnete das Tor, tätschelte das dunkelblaue Heck, stieg umständlich und stöhnend ein und setzte den Wagen gekonnt rückwärts aus dem Tor auf den Vorplatz, sogar mit Schwung, wie er meinte. Die Frau wollte nicht mitkommen, hatte sich von ihren Töchtern,  und – das muss er zugeben – auch von seinem Sohn anstecken lassen. Zuerst hatte sie das Gerede auch ignoriert, war ja froh, wenn er sie zum Einkaufen fuhr oder zur Apotheke oder sonntags zu einem Ausflug mit Mittagessen, dann musste sie nicht kochen. Aber jetzt hatte ihre Älteste an ihr Mitleid appellieret, von wegen, sie habe schon Sorgen genug mit ihrem kranken Mann usw. und wolle sich nicht auch noch sorgen müssen, wenn die Mutter mit ihm und seinem Auto unterwegs sei. Man könne ja nie wissen, wann der nächste Schlaganfall einträte, nach denen, die zum Glück glimpflich verlaufen seien. Ja, genau! Glimpflich! Das hatten die Ärzte auch zu ihm gesagt, er solle froh sein, dass er glimpflich davon gekommen sei. Glimpflich heißt doch halb so schlimm. Er konnte lediglich nicht mehr so gut laufen, brauchte den Stock oder den Rollator. Rollator! Wer rollt schon gerne mit so einem Ding durch die Gegend?
Nun ja, ihm war immer mal schwindelig, die Älteste der Frau machte es dramatisch, das Hirn sei dann nicht ausreichend durchblutet, die Denkfähigkeit beeinträchtigt usw.  Quatsch, er merkte es doch vorher immer, wenn ihm schwindelig wurde. Dann konnte er ja anhalten und warten, bis es vorbei war, dauerte ja nie lange.
Er bog jetzt auf den Zubringer ab, wollte endlich mal wieder ein Stück Autobahn fahren, die Frau war immer ängstlich deswegen und hielt ihn davon ab. Aber er war ein guter Fahrer. Immer gewesen! Immerhin 65 Jahre unfallfrei! Das sollten die Jungen erst mal nachmachen.  Er war so zuverlässig, wie sein Auto. Sein zweiter Diesel hatte nun auch schon 260.000 km auf dem Buckel und fuhr ohne Mucken, so wie er selbst. Überall in Europa waren sie zusammen unterwegs gewesen. Hach, Spanien, Italien, Südfrankreich…
Taxi sollten sie fahren, so der Chor der Kinder und Enkel.  Das hatten sie ausprobiert, die Frau und er.  Dieser Taxischnösel hatte das Autofahren auf dem Kirmes-Scooter gelernt, bremste immer so hektisch und konnte sowieso nicht mit dem Mercedes umgehen, der war höchstens ein Polofahrer. Was ist das überhaupt für ein Beruf, Taxifahrer? Autofahren sollte Vergnügen sein, so wie es für ihn ein Leben lang Vergnügen war. Auch nach den Doppelschichten auf dem Bau hat er sich noch ins Auto gesetzt, weil fahren Spaß macht und entspannt. Damit verdient man doch kein Geld. Taxi, pah! Sich fahren lassen wie Graf Rotz! Immer angewiesen sein und anrufen und warten…Die Jungen hatten gut Reden, saßen doch selbst dauernd in ihren Autos.
Er würde es sich jedenfalls nicht verbieten lassen. Oh verflixt, jetzt hatte er die Ausfahrt verpasst und der Idiot hinter ihm fuhr ihm fast auf die Stoßstange. Ein bisschen vorsichtig musste er schon sein, 30 war er ja nun nicht mehr. Rücksichtsloses Pack.
Und wenn die Frau nicht mehr mit ihm fahren wollte, sollte sie doch mit diesem Nichtskönner von Taxifahrer fahren. Seine Nummer hatte sie ja schon in ihrem Handy.  Das war noch die Frage, wo sie besser aufgehoben ist. Er jedenfalls war noch im Besitz aller Sinne und fahrtüchtig, wie eh und je, Erfahrung und Routine eben! Ein bisschen schneller dürfte es jetzt aber doch werden, dieses Drängeln von hinten nervt. Also los Alter, drück mal auf die Tube…

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20 Kommentare on “Der alte Mann und das Auto”

  1. kormoranflug sagt:

    Älter und cool passen zusammen.

  2. Lakritze sagt:

    Auweh. Mit dieser Überschrift kenne ich entsetzliche Geschichten.

    • karu02 sagt:

      …aber was kann man tun? Abwarten und hoffen, dass nichts Schlimmes passiert?

      • Lakritze sagt:

        Ein richtiges Happy-End gibt es eigentlich nur, wenn der Fahrer selbst den Schlüssel abgibt (und das ist schwer genug). Ärzte könnten etwas sagen oder eine Prüfung veranlassen. Aber es ist ein wahnsinniger Rückschritt im Leben, ein Aufgeben von Freiheit, wie Du’s ja auch beschreibst; das tut weh.

      • meme sagt:

        … irgendwann kommts, länger nicht gefahren, Hemmschwelle vor dem ersten Schlüsseldreh – und dann nix wie weg mit dem Wagen. Bei uns hat mein Sohn ihn übernommen, da war es nicht ganz so schmerzlich. Obwohl – jetzt nach Jahren kommen so Aussagen wie – man darf nicht mehr autofahren, nicht mehr fahrradfahren und laufen soll ich auch nicht mehr allein – eigentlich ist das kein Leben mehr, sterben wäre besser.

        Ich tröste mich damit, dass das nun mal der Lauf der Welt ist, uns wird es vermutlich genauso ergehen, falls nicht ein gnädiges Schicksal uns vorher ruft. Bei den Erfahrungen der letzten Zeit wünsche ich mir das ganz sehnlich !!!

  3. da kann man wirklich nur hoffen, dass nichts passiert !

  4. Liebe Karu,

    bereits die ersten Zeilen machen ein wenig nervös …
    Man glaubt diesen selbstgewissen Fahrer zu kennen. Wie er da umständlich und stöhnend einsteigt. Fein geschrieben.

    Ein gesellschaftliches Problem, umso mehr, als es für alte Menschen, die ländlich leben, kaum erreichbare Einkaufsmöglichkeiten etc. gibt.

    Danke Dir,
    dm und mb

  5. rotewelt sagt:

    Viele ältere FahrerInnen sind so damit beschäftigt, ihr Auto zu bedienen, dass sie nicht mehr antizipierend fahren und überhaupt nichts um sich herum mitbekommen. Trotzdem kann ich schon auch verstehen, dass es schmerzt, diese Mobilität aufzugeben.

  6. auweia…. ich kenne ja auch so Fahrer. Ich kann aber auch verstehen, wieviel Selbstbestimmung weg fällt mit dem Autofahren. Es ist schwierig und wird mit jedem Jahr schwieriger. Ich bin 47, meine Generation ist doch die, die nie etwas anderes gekannt hat wie Auto. Wie wird es erst, wenn wir 80 sind? Mein Vater regt sich über die gleichaltrigen Freunde auf, „die sind ganz schön alt geworden“, „die fahren so furchtbar Auto“. Aber er fährt noch wunderbar – sagt er.

    Meine Großtante wurde 101, sie lebte im Alter mit ihrer etwas jüngeren Freundin zusammen in einer Wohnung. Zu zweit waren sie bis ins hohe Alter autark. Und das Auto war den beiden wahnsinnig wichtig. Natürlich fuhr eigentlich die „jüngere“ von beiden, aber wenn sie mal krank war …

    schwierig, schwierig.
    aber toll beschrieben

    • karu02 sagt:

      Die Menschen sind auch im Alter unterschiedlich fit. Ich denke, man kann keine generelle Grenze ziehen. Bei Erkrankungen, die Fahruntüchtigkeit nach sich ziehen, bei Einnahme von Medikamenten, die fahruntüchtig machen, haben doch auch die Ärzte eine Verantwortung. Man könnte eine Prüfung der Fahrtüchtigkeit „verordnen“. Wir die Prüfung nicht bestanden, ist der Fall geklärt. Das wäre doch eine saubere Lösung.
      Die Selbstwahrnehmung ist in solchen Fällen kein Faktor mehr, weil sie offenbar vom Wunschdenken bestimmt wird

      • Ja, das ist die Schwierigkeit mit dem Wunschdenken.
        Ich kenne einige Fälle, da hat der Opa das Auto dem Enkel „geliehen“, mit der Auflage, ihn ab und zu mal irgendwohin zu fahren. Das war so ein Abschied in Raten, das ging ganz gut.

      • in der Schweiz muss jeder ab 70 alle 2 Jahre einen Gesundheits- und Augentest machen.
        Das finde ich nicht schlecht. Wir haben viele Patienten in der Praxis, die nach einem negativ verlaufenen Test den Anstoss haben den Führerschein zurück zu geben.

  7. oachkatz sagt:

    Auch in meiner Familie gab es diesen Fall. Er ist nicht gut ausgegangen für den alten Mann. Was tun? Ich weiß es nicht, aber überlegt werden muss schon: die FahrerInnen gefährden ja nicht allein sich selbst. Meine theoretische Erkenntnis: ich muss mich früh mit Situationen auseinandersetzen, die eintreten können, irgendwann bin ich nicht nur zu alt zum Fahren/Lesen/Laufen, sondern auch mir etwas stattdessen zu suchen.

  8. cablee sagt:

    Schwiegervater wollte auch mit 89 noch nicht vom Fahren lassen, bis dann das Auto von Herrn cablee „zufällig“ nicht ansprang und der alte Herr ihn zur Arbeit fahren sollte…
    „Vater, hier ist Tempo 30!“
    „Seh ich doch!“
    „Ja, aber du fährst 60…?!“
    „Wie soll ich denn gleichzeitig auf die Straße und das Tacho schauen…?“

    Das war das Ende der Fahrerei. Gut so!

  9. Philipp Elph sagt:

    Ich hoffe, dass ich zur rechten Zeit den Sprung ins Taxi schaffe!

  10. Scarpa sagt:

    Du bist das, Karu, die immer so dicht hinter mir her fährt???

  11. Richensa sagt:

    Mein Vater, der sich zu Fuß kaum auf denselben halten kann, hat sich kürzlich ein anderes Auto gekauft. Ich frage mich, wie er genügend Kraft für eine Vollbremsung hat und bin sicher, dass er nicht schnell genug reagiert. Er will den Führerschein unter gar keinen Umständen abgeben. Hoffentlich muss es nicht erst einen Unfall geben, bei dem jemand verletzt wird.

    • karu02 sagt:

      Wie geht es Dir damit, fühlst Du Dich auch in der Verantwortung? In unserem Fall scheint es gut auszugehen, steter Tropfen…. Da wir zu vier immer wieder gebohrt haben, wird jetzt der alte Mercedes abgegeben. Ich bin sehr erleichtert.


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