Tag in Alba

Piemont  34

Der erst Morgen unseres Aufenthaltes im Piemont führte uns in die Weinberge und die kleinen Dörfer der näheren Umgebung. Belohnt wurde der Ausflug durch die herrliche Aussicht auf die im Morgendunst zwischen den Rebstöcken liegenden Hügelketten. Ich war so sehr von der Landschaft begeistert, dass ich nicht weiter auf den Weg achtete. Nun muss man wissen, die Italien er sind keine Fußgänger und die Straßen und deren Beläge für die Autos gemacht.

Weinreben im Piemont

Da gibt es schon mal Abrisskanten und dass „Karuguckindieluft“ daherkommt, ist überhaupt nicht vorgesehen. Ich habe mich so böse vertreten, dass es zu einem Sturz kam, den mein liebster Reisebegleiter nachher als „vorbildlich abgerollt, wie ein Fußballer“ beschrieb. Dieses Komplimente nützte wenig, der Handballen steckt nun voller Splittstückchen, das Knie tat höllisch weh, weil ich wieder nur auf die Kamera geachtet hatte. Sie hat auch tatsächlich keinen Schaden genommen. Mein Hosenbein auch nicht, es war völlig intakt, aber auf dem Weg zum Auto sickerte das Blut durch den Stoff. Der Verbandkasten im Auto war nur unzureichend bestückt. Ich weiß gar nicht, was man in einem wirklichen Notfall damit anfangen kann.

Nein, das ist nicht mein Blut sondern Saft von roten Trauben.

Nein, das ist nicht mein Blut sondern Saft von roten Trauben. Sieht aber ähnlich aus.

Wir fuhren also, entgegen den Plänen für den Tag, nach Alba, nur 10 km entfernt. Es ist die größte Stadt im Langhe und die Altstadt sollte sehenswert sein. Zunächst achteten wir aber nur auf das grüne, blinkende Farmazie-Zeichen auf der Hauptstraße, die ins Zentrum führte. Man sieht diese Zeichen von weitem und beim ersten hielten wir an. Ich hatte mein Hosenbein hochgekrempelt, weil der Stoff über die Wunden scheuerte. Es sah wahrscheinlich gruseliger aus, als es war. Jedenfalls reagierten die zwei Apothekerinnen sofort und riefen den Chef. Ich wurde gleich in eine Art Behandlungszimmer geführt und alle drei in weißen Kitteln standen um mich herum und beratschlagten. Sie merkten dann, dass mein Italienisch nicht ausreichte für eine Verständigung und eine von den netten Damen wechselte ins Englisch. Der Herr Apotheker entfernt mit viel Geduld den Schmutz aus der Handwunde, die Kniewunden waren ja durch den Stoff der Hose geschützt, wurden auch desinfiziert und mit flüssigem Pflaster versehen. Wir bekamen noch Desinfektionsmittel und Mullkompressen mit und mussten auch nur das bezahlen. Die Behandlung war kostenlos. Überaus freundlich wurden wir noch unter unserem „Mille Grazie“ zur Tür begleitet. Für so eine fürsorgliche Behandlung hat sich das Hinfallen gelohnt.

So haben wir den Rest des Tages, ich humpelnd und mit aufgekrempeltem Hosenbein, in Alba verbracht. Das Humpelbein war Grund genug, auf dem Marktplatz zwischen den Einheimischen in der Sonne zu sitzen und Besichtigungen auf ein Minimum zu reduzieren.

Alba ist die Trüffelstadt, stellten wir schnell fest. Nicht nur lag diese kostbare Knolle in verschiedenen Schaufenstern, der günstigste Preis für schwarze Trüffel 3,50 Euro für 1 g, der Rest bewegte sich ungefähr auf Goldpreisniveau, es gab auch im Museumsinnenhof ein Informationszelt zum Trüffel und natürlich bot jedes Restaurant Gerichte mit diesen besonderen Knollenscheibchen an. Ich hatte in einem der kleinen Dörfer Gelegenheit, ein Trüffelgericht zu probieren, allerdings nur mit dem schwarzen. Was soll ich sagen, mir scheint, der Stoff wird überschätzt. Vielleicht muss ich  den weißen kosten, um es überhaupt beurteilen zu können. Mir waren die Steinpilzgerichte lieber. Es gibt eine weitere Delikatesse überall zu kaufen, Haselnüsse. Ich hatte mich anfangs gewundert, wie schön die Haselsträucher zwischen den Weinhänge geschnitten waren. Es müssen Erntewege dazwischen bleiben. Die Nüsse werden ohne die braune Haut angeboten und offenbar leicht geröstet. Sie sind doppelt so groß, wie alles, was bei uns zu kaufen ist und leuchten Goldgelb in den Tüten.

Domplatz in Alba

Aufgefallen ist mir, dass es in allen Städten, die wir besuchten, Polizeistreifen gab, zu Fuß, per Fahrrad und im Auto. Das Leben spielt sich auch viel mehr auf den Straßen ab, als bei uns. Auf dem Marktplatz diskutierte eine Gruppe alter Herren in ausgiebiger Heftigkeit, mit Aufspringen, gestikulieren, auf den Tisch hauen, Krawatte lockern, mit dem Fuß aufstampfen, kurz alles, was zur Verfügung steht um das gesprochene Wort zu unterstreichen. Wunderbares öffentliches Theater. Die Frauen konnte wahrscheinlich unterdessen in Ruhe das Essen zubereiten.

So vergaß ich zeitweise den pochenden Schmerz im Knie. Als die Diskussionsrunde am Nebentisch aufbrach, suchten wir uns ein Restaurant im Freien direkt neben dem Dom mit Blick auf den Geschlechterturm.  Ich dachte, die gibt es nur in der Toscana.

Advertisements

10 Kommentare on “Tag in Alba”

  1. ich hoffe deinem Knie geht es inzwischen besser ! Da hattest du ja wirklich eine tolle Betreuung in der Apotheke.
    Danke für den schönen Bericht, er und der vorherige machen mich echt neugierig dort mal hinzufahren.

  2. karu02 sagt:

    Dank der gründlichen italienischen Reinigung bleiben nur ein paar helle Narben. Ja, es empfiehlt sich, diese Gegend zu erkunden, wir waren viel zu kurz dort. Ein bisschen was kommt aber noch an Beschreibung.

  3. oachkatz sagt:

    Deine Reiseberichte in Wort und Bild sind mit das Beste, wenn man augenblicklich nicht selbst unterwegs sein kann.

  4. kormoranflug sagt:

    Abrollen auf Fußballerniveau: Du hättest nicht so viel vom leckeren Rotwein trinken sollen.
    (* lach) Ohne Verbandszeug nie mehr wandern.

  5. Lakritze sagt:

    Fallen will gekonnt sein! (Besser aber noch gelassen.) Die Apothekergeschichte ist klasse; das ist mal wirklich freundlich.

  6. Abrollen ist schon mal sehr gut, auch wenn Schürfwunden immer blöd sind. Aber besser wie kaputte Knochen.
    Trüffel werden tatsächlich überschätzt, ganz meine Meinung.
    Und die Geschlechtertürme gibts in Ansätzen an vielen Orten, nur halt ganz extrem in St. Gimignano. Aber natürlich auch in Regensburg. Wir haben in Esslingen auch noch eine Menge Fundamentreste oder Turmreste für Wohntürme, nur halt nicht (mehr?) so hoch. Das Stadtmuseum beispielsweise: http://www.panoramio.com/photo/32918871

    • karu02 sagt:

      Danke für diesen Hinweis, das wusste ich nicht obwohl ich doch schon in Esslingen und Regensburg gewesen bin. Beim nächsten mal werde ich darauf achten. Man sieht nur, was man weiß…

      • Im Grunde ist dies eine ganz alte Geschichte. Solange die Städte noch nicht komplett umwehrt waren, hatten die Adligen befestigte Wohnsitze, in denen man sich verteidigen konnte. Und da wurde dann ein repräsentatives Ding daraus. Also entweder viel Stein am Haus, viel Holz vor der Hütte oder viel PS in der Garage.

      • karu02 sagt:

        Ich muss das mal nachlesen. Bisher dachte ich, es wären die Plattenbauten der Vorfahren.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s