Reichsmuseum Amsterdam

ReichsmuseumDas Reichsmuseum mit der Ausstellung „Der Späte Rembrandt“ war der eigentliche Grund der Reise zu den Nachbarn.  Es wurden sogar Eintrittskarten vorher online bestellt, um das Schlangestehen zu vermeiden. Das hat tatsächlich funktioniert, keine Schlange oder fast keine, ein paar Leute warteten schon vor uns, aber erst mitten im Museum. In der Eingangshalle sah es noch harmlos aus. Nach einer stop-and-go-Wanderung durch Flure und über Treppen gelangten wir endlich zu den Ausstellungsräumen und wollten gleich wieder weg, hauptsächlich ich. Mein liebster Reisebegleiter ist nicht so empfindlicher gegen Menschenmengen und Raumenge wie ich,  und so wie hier habe ich es auch noch nie erlebt. Im ersten Raum der Ausstellung gab es kaum einen freien Stehplatz, der ganze Raum war voller Menschen, dicht gedrängt, die Luft zum Schneiden, die Chance, an die Bilder zu gelangen sehr gering bis aussichtslos. Da viele kleinformatige Grafiken nicht sichtbar, aber zu erahnen waren, leistete ich gleich den ersten Verzicht. Grafik muss man nicht zwingend im Original sehen, die Drucktechnik ist heute so gut, dass man ohne Verlust darauf zurückgreifen kann, wenn man einem Hauen und Stechen vor den Bildern ausweichen will.

Die Ölbilder im nächsten Raum hatten immerhin ein Format, von dem die obere Hälfte bei meiner Größe von 172 cm auch aus der dritten Reihe noch ganz gut zu erkennen war, wenn nicht gerade zwei bis drei Smartphones zwecks Selfies davor gehalten wurden. Auch die Bilder selbst ohne Selbst wurden fotografiert, was nicht zu verstehen ist, weil die Lichtverhältnisse, der Abstand, die Spiegelung durch die Ölfarbe kein gescheites Foto zuließen. Es gibt reihenweise Bücher im Museumsladen, ebenso gut fotografierte Postkarten, falls man etwas mit nach Hause nehmen möchte. Wer nicht smartphotografierte, stand mit einem Guide und Stöpseln in den Ohren möglichst mittig vor den Bildern, zu zweit oder zu dritt oder zu viert, schaute kurz, ob auch das versprochene Bild an der Stelle hing, die der Führer ansagte, und starrte dann nur noch auf den kleinen Bildschirm des Gerätes. Sowleit ich in meinem Ärger dazu in der Lage war, versuchte ich zu beobachten, wie viele Menschen ein Bild und nur das für länger als 2 Sekunden mit Aufmerksamkeit ansahen. Nicht viele. Man war zu sehr damit beschäftigt, sich einen Platz vor dem Bild zu sichern, um dann alles mögliche zu machen, nur nicht hinzugucken.

Immerhin habe ich durch die freie Sicht im oberen Luftraumjeweils die gemalten Augen der Portraits des Meisters sehen können und eine Überraschung erlebt, die Augen aller Portraitierten, einschließlich der eigenen in den Selbstportraits sind leer, haben keinen Blick, sind wie dunkle Löcher. Das war mir auf Abbildungen noch nie aufgefallen. Wenn ich Gelegenheit bekam, weiter unten einen Blick aufs Bild zu erhaschen, fiel mir noch etwas auf, bei vielen von Rembrandt gemalten Händen ist der kleine Finger zu lang und setzt zu weit oben an, auch die Daumen sitzen nicht ganz richtig.  Bei Genies suche ich gerne nach den Mängeln. Das war aber der einzige, den ich erkennen konnte, nicht nur wegen des Gedränges. Schließlich wollte ich nur noch raus aus dem Gewühl, mir war es plötzlich egal, ob ich auch noch das letzte Selbstportrait zu sehen bekam.

Den Rest des weitläufigen Museums, in dem man sich ganz leicht verlaufen kann, hatten wir dann für uns alleine. Die Aufseher schienen jeweils froh zu sein, dass mal jemand vorbei kam. Leider nimmt die Fähigkeit, etwas aufzunehmen, nach zweieinhalb Stunden rapide ab. Das Museumscafé ist für diesen Fall durchaus zu empfehlen, dort lief trotz des Andrangs aus aller Welt alles wie am Schnürchen.

Sonderausstellungen werden wir nie wieder besuchen, was wir uns schon mehrfach vorgenommen hatten, aber diesmal ist es ernst.


5 Kommentare on “Reichsmuseum Amsterdam”

  1. Lakritze sagt:

    Sonderausstellungen nur frühmorgens unter der Woche, nicht in den letzten vierzehn Tagen, immer ohne Audio-Guide, und Kamera höchstens zum Festhalten (man weiß ja nie). Vielen Dank für das Gewimmelertragen. Lesen tut sich’s unterhaltsam …

  2. oachkatz sagt:

    So habe ich es noch nie erlebt. Klingt schrecklich


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s