Groningen von zwei Seiten

Als nächste größere Stadt in unserem Reise-Radius besuchten wir Groningen. Von dem neuen Museumsbau hatte ich schon gelesen, sonst wusste ich nicht besonders viel von der Stadt. Das sollte sich schnell ändern.

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Nachdem wir uns an einem der Kanäle haben entlang treiben lassen landeten wir im Prinzengarten auf der Rückseite des Prinzenhofs. Dort kann man sich auf einer Wiese des Renaissancegartens beim Teehaus niederlassen und mitten in der Stadt ländliche Ruhe genießen.

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Die wunderbar volltönenden Glocken des Martiniturms lockten uns weiter auf den großen Platz vor dem Rathaus. Auf dem Rathausplatz hatten wir Grund, uns zu wundern. Es standen alte Militärfahrzeuge und Panzer herum, quer über den Platz marschierten Soldaten, die in kanadische Uniformen gekleidet waren.

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Mein liebster Reisebegleiter wusste von der Befreiung der Stadt am 12.4.1945 durch die Kanadier. Mir war das nicht geläufig, wie vieles aus der Kriegs- und Nachkriegszeit. Die Vorbereitungen am Morgen mit Tribünen und Riesenleinwänden sahen nach einem großen Fest aus. Auf einer Infotafel hatten wir Gelegenheit nachzulesen, dass Groningen 1940 von den Deutschen besetzt wurde, 3.300 Bürger der Stadt starben, 2.800 von ihnen Juden, die von 1940 bis 1943 deportiert und umgebracht wurden. Die Deutschen wollten nicht kapitulieren als die Kanadier die Stadt erreichten und sorgten so dafür, dass es noch viel Zerstörung und viele Tote gab in den vier Tagen bis die Kapitulation endlich erfolgte.DSC08108

Was davon heute noch zu sehen ist, ist die Nachkriegsarchitektur, hier nicht besser als in anderen Ländern mit zerstörter, alter Architektur. Zum Glück ist auch einiges erhalten geblieben und das macht den Charme der Stadt aus. Das Kunstmuseum in der Nähe des Bahnhofs hebt sich als sehr modern von seiner Umgebung ab. Es ist wie eine Insel in den Kanal gebaut, aus den unteren Fenstern schaut man direkt auf die Wasseroberfläche und die Spiegelungen der Umgebung wie aus Schiffsfenstern.

Es fand zufällig eine Sonderausstellung statt, die mich mein Versprechen, keine solche Ausstellung mehr zu besuchen, sofort vergessen ließ. Die Dresdener hatten ihre kostbare Sammlung hierher ausgeliehen. Die Ausstellung war sehr sorgfältig gehängt, mit guten Hinweisen auf geschichtliche Zusammenhänge, zwischen den Exponaten war genug Platz gelassen worden und das nicht sehr zahlreiche Publikum wirkte sachkundig. Eine Ausstellung, wie ich sie mir wünsche. Da es noch viel mehr zu sehen gab neben der ständigen Sammlung des Hauses, besuchten wir zum Ausruhen das Museumscafé. Schon deswegen lohnt es sich, in diesem Haus einige Zeit zu verbringen. Ich konnte den Blick gar nicht von den Stühlen und Lampen lassen, die wie aus Knetgummi geformt wirkten. Außerdem sah alles, was serviert wurde, ebenfalls interessant aus. Hier noch der Info-Raum mit Computerarbeitstischen und vielen verwirrenden Spiegeln:

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Wir hatten uns lange aufgehalten in diesem Gebäude, was mir innen besser gefiel als außen. Auf dem Rückweg am Nachmittag gelangten wir wieder an den Fischmarkt und den Rathausplatz. Nun waren die Feierlichkeiten in vollem Gange. Der Platz war dicht gedrängt voller Menschen, die nicht nur auf den Tribünen, auch auf Treppen vor den Häusern und in geöffneten Fenstern dem Geschehen folgten. Ich staunte darüber, mit welcher Konzentration den Reden gefolgt wurde. Mir war unbehaglich zumute, wie schon in der Kriegsende-Ausstellung in Leeuwarden. Wie gut, dass unsere Nachbarn zur Versöhnung bereit waren nach all dem Leid und Elend, was ihnen von den Deutschen zugefügt wurde.



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