Schwarzgelocktes Erbstück

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Etwas Unzeitgemäßes ist mir zu dem Projekt von Herrn Wortmischer noch eingefallen:

Die Tante, von der die Rede sein wird, war gar keine, sie war die jüngere Cousine meiner Großmutter mütterlicherseits. Da selbst Ehe- und Kinderlos, durfte sie besuchsweise an unserem Familienleben teilhaben. Sie kannte sich bestens mit Fußball aus und mit Opern. Wegen des Sports war sie bei den Männern gerne gesehen, wegen der Opern und der Geschichten mit Maria Callas und Herbert von Karajan bei den weiblichen Familienmitgliedern. Wir Kinder freuten uns über die schönen Sachen, die sie uns immer mitbrachte. Stofftiere mit dem Knopf im Ohr zum Beispiel. Da sie immer sehr elegant gekleidet war und Beamtin von Beruf, galt sie in unserem Arbeiterhaushalt als etwas Besonderes.

Eines Tages lud sie mich, knapp zwölfjährig, ein, mit ihr ins Theater zu gehen. Sie war Abonnentin des Musiktheaters. Dieser erste Theaterbesuch hat mich nachhaltig beeindruckt vor allem wegen der vielen schönen Kleider, die dort nicht nur auf der Bühne getragen wurden. Meine Tante gab ihren schwarzen Mantel aus lockigem Fell etwas besorgt an der Garderobe ab, als sei es ein Tier, dass besonderer Behandlung bedurfte. Daher wagte ich auch auf dem Rückweg nicht, die dunklen Locken einmal anzufassen.

Als die Tante starb, erbte meine Mutter, was ihr gehört hatte, viele Bücher, ein paar Gemälde und den Mantel. Meine Tante war lebenslänglich schlank. Meine Mutter nicht. Meine Schwestern und ich wollten ihn auch nicht haben, obwohl die Größe gepasst hätte, man trug zu der Zeit schon keine Pelze mehr. Daher hing der Mantel lange unbeachtet in einem Kellerschrank.

Als meine Mutter in eine altengerechte, kleinere Wohnung umzog, wurde mir der Mantel überantwortet. Nun hängt er hier herum, sorgfältig abgedeckt wegen der Motten, die so etwas mögen. Er ist sehr schwer und offenbar nicht einmal warm, wie man es von einem Pelzmantel erwarten würde. Dazu müsste man das Fell wahrscheinlich nach innen tragen. Dann würde allerdings niemand sehen, dass es ein Pelzmantel ist und darum ging es damals wohl eher, als um die Wärme. Anfangs taten mir die Tiere leid, die dafür ihr Leben lassen mussten. Nun sind sie schon zu lange tot, als dass es noch eine Rolle spielen würde.

Hin und wieder gucke ich die Anzeigen durch, mittwochs und samstags, auf gut einer halben Zeitungsseite suchen Leute alte Schreibmaschinen, Nähmaschinen und Pelze aller Art. In dieser Reihenfolge, die Pelze immer zuletzt. Schon diese Zusammenstellung erscheint mir seltsam. Oft gibt es den Zusatz: „Garantiert seriöse Abwicklung.“ Oder: „Barzahlung garantiert.“

Wer, frage ich mich, kauft Pelze, wenn niemand mehr Pelze trägt? Zu welchem Zweck? Neuerdings gibt es ja nicht einmal mehr Winter und im Dauersommer sind die Aussichten für dieses Kleidungsstück noch geringer. Ich wäre diesen Mantel gerne los, schon wegen der Motten, die sich früher oder später darüber hermachen werden. Aber ich konnte mich noch nicht dazu durchringen, eine der Handy-Nummern anzurufen. Mir sind diese Pelzkäufer unheimlich.


6 Kommentare on “Schwarzgelocktes Erbstück”

  1. Philipp Elph sagt:

    Pelzkäufertrick! Damit kommen m.E. leute zu Adressen, an denen es was zu holen gibt – wenn die Bewohner nicht zu Hause sind. Ich habe mal ererbte Pelzmäntel angeboten, weil sie „zu schade zum Wegwerfen“ waren. Die Personen an den telefonen waren aber gar nicht daran interessiert, haben gleich gefragt, ob man Gold oder Schmuck zu verkaufen habe.
    RUF!NICHT!AN!
    Irgendwann habe ich die Mäntel in einen blauen Sack gesteckt, ihn zugebunden und in den Müll geworfen.

  2. karu02 sagt:

    Danke für den Hinweis, so ähnlich hatte ich es auch vermutet.

  3. […] bleibt das Etui, wenn Frau das Kleid anzieht von Heinrich Das Eigenkleid von Frau Lakritze Schwarzgelocktes Erbstück von Frau […]

  4. Wortmischer sagt:

    Schwierig. Wer trägt heutzutage noch sowas. Oder zumindest: Wer traut sich, mit Echtpelz herumzulaufen. Vielleicht wäre eine Änderungsschneiderei das Richtige? Wenden lassen und die Pelzseite innen tragen?
    Oder Ebay.

    Danke Dir für den 67. Beitrag zum Kleider-machen-Leute-Projekt. Einen Monat alt, und noch ist kein Ende abzusehen.

  5. oachkatz sagt:

    Wirklich. Gibt es Ideen zum Umarbeiten lassen? Wenigstens in ein Täschchen? Ein Kissen? Hier in der Stadt wird Pelz tatsächlich immer wieder wieder getragen, meine Abneigung dagegen steckt zu tief.


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