Fachwerk, restauriert

Unser im Internet gebuchtes Quartier in Stecklenberg erreichten wir mit Navi-Hilfe noch rechtzeitig, trotz der merkwürdigen Umleitungen unterwegs, bevor die Rezeption nicht mehr besetzt war. Ein Schild in dem kleinen Dorf in der Nähe von Thale warb an der Straße mit dem Slogan „Schlafen wie die Grafen“. Und tatsächlich erwartete uns ein keines Schloss mit einem gepflegten Schlossgarten, gemauertem Brunnen, Bronzelöwen und -hirsch, Ententeich und Blick auf den Wald, aber auch mit guten Betten, eines Grafenpaares würdig.

Oberhalb des Schlosses, etwa 10 Gehminuten entfernt, gibt es Reste der Stecklenburg mit nur wenigen übrig gebliebenen Mauern. Unterhalb, direkt neben der Kirche,  kann man anhand eines Miniaturmodells einen Eindruck von der in der Nähe gelegene Lauenburg bekommen. Die Straße dorthin war gesperrt.  Zum Essen muss man bis Thale oder Quedlinburg fahren, in Stecklenberg gibt es keine Restaurants.

Da der nächste Tag nieselig und grau zu werden versprach, setzten wir Quedlinburg auf den Tagesplan, statt der Wanderung durch das Bodetal.

Vielleicht lag es am Wetter, dass sich eine Enttäuschung bei mir bemerkbar machte nach dem ersten Rundgang durch die Mitte des Ortes. Ich hatte schon einige Menschen schwärmen hören von der wunderbaren Restaurierung der Fachwerkhäuser. Auf mich wirkte es wie ein unbewohntes Freilichtmuseum, so als würden die wenigen Menschen, die keine Touristen waren, morgens dorthin bestellt und gingen abends wieder nach Hause, anderswo. Je länger ich mich dort aufhielt, desto seltsamer erschien es mir. Erst zu Hause stellte ich fest, dass ich nur ein einziges Foto in Quedlinburg gemacht hatte. Alle Baudenkmäler gibt es ja auf Postkarten.

Das bedeutet, es fehlten die kleinen Besonderheiten, die in den Blick fallen, wenn es ringsum nur große Besonderheiten zu sehen gibt. Der ganze Ort ist so aufgeräumt, als läge er in der Schweiz. Nur dies hier nicht:

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Handwerklich ist das meiste wirklich gut gemacht und ganz sicher ist es besser, als wären nach dem Abriss der Altstadt in DDR-Zeiten hier Plattenbauen entstanden.  Meine Vorbehalte konnte ich mir  nicht sofort erklären. Erst als mich zwei Tage später in Blankenburg ein noch größeres Unbehagen überfiel, fing ich an, darüber nachzudenken. Denn an dem Tag konnte es nicht am Wetter gelegen haben.

In Blankenburg waren wir gelandet, weil ich endlich mal etwas Gutes essen wollte. Im Internet war ein Restaurant „Hexenkessel“ von Besuchern gut bewertet worden. Nur leider hatte es Dienstags Ruhetag. Das zweite Restaurant im Ort, sehr schön am Hang gelegen und mit direktem Zugang zu einem attraktiven Wanderweg, wies die Speisekarte alle Schnitzelgerichte auf, die wir vom Niederrhein der 90er Jahre kennen, von Jäger bis Zigeuner waren alle dabei. Als mein liebster Reisebegleiter die Hefeklöße von der Kinderkarte bestellen wollte, weil er verarbeitete Jäger und Zigeuner meidet, wo es geht, sagte die mürrische Inhaberin, das könne die Kasse nicht verbuchen. Sie ließ sich dann aber doch überreden, zwei Kinderteller in die Kasse einzugeben und einfach alles auf einem Teller zu servieren. Beim Kassieren war sie dann besser gelaunt, hatte offenbar eine Geschäftsidee entwickelt aus unserer Anregung. Ich erzähle das stellvertretend für andere Erlebnisse dieser Art.

Über Blankenburg thront auch ein Schloss, das zum Hotel umgebaut wurde mit einer Schlossgartenanlage.  Die Ortsmitte war nicht ganz so aufwändig auf einen neueren Stand gebracht worden wie Quedlinburg. Gefallen haben mir diese beiden alten Tortüren:

In dem Moment wusste ich, was mir fehlte in den beiden bisher gesehenen Orten, sie hatten für mich keinen Charakter mehr, ähnlich wie das Gesicht einer gelifteten Frau, deren Lächeln nicht mehr natürlich wirkt. Die beiden alten Tore hatten ihren Charakter bewahren können und man kann nur hoffen, dass der nicht getötet wird, durch charakterunverträgliche Lackschichten.

Etwas besser war es in Wernigerode, dort bewegten sich mehr Menschen auf den Straßen, überwiegend jedoch Touristen, was den Ort lebhafter wirken ließ. Zusammenfassend bin ich auf den Begriff gekommen, der für alle besuchten Orte zutrifft, es war eine gewisse Freudlosigkeit, die ich wahrnahm, in der Architektur, in den Schaufenstern, in den Einrichtungen der Restaurants, bei den Speisen, bei den Menschen. Mir fehlten die jungen Menschen auf den Straßen und die Kinder. In einer ähnlichen Art gibt es das am linken Niederrhein auch, nur hat die Bauweise in einigen kleinen Orten zusätzlich etwas  Hermetischeres, Farbloses. Auch da wandert die Jungend ab in die großen Städte und zurück bleibt ausschließlich Vergangenheit.

In Halberstadt hatte ich diesen Eindruck nicht. Sicher war daran das  Blaskonzert beteiligt, mit Spielfreude vorgetragen und mit Hörfreude vernommen.

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10 Kommentare on “Fachwerk, restauriert”

  1. kormoranflug sagt:

    sieht wie eine Model-Burg aus

    • karu02 sagt:

      Gut aufgepasst, ist auch eins. Von der Lauenburg gibt es offenbar auch nur eine Ruine, die ich aber selbst nicht gesehen habe. Ich habe die Bilder jetzt entsprechend beschriftet. Danke für den Hinweis.

  2. richensa sagt:

    Ich stimme dir mit der „Freudlosigkeit“ zu, das habe ich auch oft bemerkt… obwohl ich mich ja immer bemühe, selber Freude zu empfinden und diese mitunter auch an die Umwelt weiterzugeben….

    • karu02 sagt:

      Es ist bei mir ähnlich, ich will auch nicht meckern, es war nur ein bis dahin auf Reisen noch nicht vorgekommenes Phänomen. Ich habe gezögert, das zu erwähnen, bin jetzt aber beruhigt, dass es mir nicht alleine so ging. Es kommt auch noch etwas Freudvolleres.

  3. Lakritze sagt:

    Liebe Karu, so geht mir das sehr, sehr oft; ich versuche unter Putz und Farbe das gelebte Leben zu sehen. Entwickle bloß keine Fachwerkallergie: Am Mittelrhein läßt sich das zum Beispiel finden (mit gehörig Melancholie) und in Marburg, im Studententrubel.

    • karu02 sagt:

      Wenn ich nicht schon anderes, be-lebtes Fachwerk gesehen hätte, z.B. an Weser und Fulda, dann wäre mir das un-belebte vielleicht nicht so sehr aufgefallen. Nein, keine Allergie, noch nicht.

  4. Hallo Karu,

    euren Eindruck vom Harz kann ich sehr gut nachvollziehen und ich muss richtig schmunzeln. Wir wohnen ja in der Nähe, haben aber den Harz erst durch unseren Hund entdeckt. Mit ihm sind wir regelmäßig dort unterwegs. Und jedes Mal wundern wir uns über den in die Jahre gekommen „Charme“ Es macht mich sogar ein wenig traurig, wie schwer sich der Harz tut, einen modernen Tourismus zu entwickeln und etwas Leben in die Städte zu bringen. Denn die Landschaft ist echt faszinierend und die Geschichte spannend. Apropos „Fachwerk, restauriert“: In Osterwiek kann man noch unrestauriertes Fachwerk bewundern… als wäre die Zeit vor dem Krieg stehen geblieben: https://anwolf.wordpress.com/2015/11/02/osterwieck-auferstanden-aus-ruinen/.

    Ich hoffe, ihr seid nicht total abgeschreckt von Harz 😉 Viele Grüße von Andrea

    • karu02 sagt:

      Für uns liegt der Harz 5 Autostunden entfernt. Mal eben so fahren wir nicht hin, es ist aber nicht ausgeschlossen, dass wir einen zweiten Versuch wagen werden. Zur Landschaft schreibe ich noch etwas, sobald dich Zeit habe.

  5. Ich kenne Quedlinburg noch nicht, wollte aber auch immer mal hin. Aber ich habe mich auch schon gefragt, wie die Stadt wohl tatsächlich wirkt. Insofern kann ich Deine Gedanken sehr gut nachvollziehen.

    Eine Stadt ist nun mal kein Museum (auch wenn den Denkmalpflegern das immer fälschlicherweise vorgeworfen wird) Eine Stadt wirkt dann lebendig, wenn Menschen sie beleben, wenn ich Gebrauchsspuren sehe, wenn ich spüre, dass Menschen drin leben.

    Ich frage mich oft, was macht Leben bei einem Gebäude aus. Ein restauriertes und mit Gebrauchsspuren ist ja oft lebendiger als ein neu Rekonstruiertes. Und ich kenne viele Häuser, die „totsaniert“ wurden, alles glatt gebügelt.

    Oft hängt es ja auch davon ab, was im Haus drin ist. Wenn ein Haus weiterhin bewohnt ist, ist es lebendiger als wenn es keine Nutzung oder nur eine Büronutzung hat.

    Tot wirken Gebäude auch dann, wenn nur die Fassade mehr übrig ist, wenn das Äußere mit dem Inneren nicht mehr übereinstimmt. Aber das könnte ich mir in Quedlinburg nicht vorstellen.

  6. karu02 sagt:

    Falls Du hinfährst, berichte doch mal. Ich war unvoreingenommen bzw.. eher positiv gestimmt, weil ich vorher begeisterte Stimmen zum „wiedererstandenen“ Quedlinburg gehört hatte. mein Befremden hat mich selbst irritiert.


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